Montag, 14. März 2016

CRISTINA NORD: CINEPHILES FEUILLETON?



Die Filmkritikerin und -kuratorin Cristina Nord, die von 2002-2015 das taz-Filmfeuilleton verantwortet hat, im Gespräch über ihren Weg zur Filmkritik, die Möglichkeiten eines cinephilen Feuilletons und neue Herausforderungen.



Revolver:
Wie bist du zur Filmkritik gekommen?

Cristina Nord:
Ich bin schon immer wahnsinnig gerne ins Kino gegangen. Schon als Kind. Das hat sich verstetigt, als ich Teenager war. Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Kassel aufgewachsen, und ich hatte dann einen Gilde-Kinopass und bin immer nachmittags nach der Schule – ich bin in Kassel zur Schule gegangen – in die Gilde-Kinos gegangen, etwa ins Capitol. Ich habe relativ früh angefangen, Sachen zu sehen, die nicht regulär im Kino laufen. Ich hatte eine Freundin, deren Mutter Brasilianerin war, und die zeigte uns Filme von Glauber Rocha auf dem Videorekorder. Ich weiß nicht mehr genau, welcher es war, „Antonio das Mortes” vielleicht, aber ich weiß noch, wie beeindruckt ich war. Und ich weiß auch, wie beeindruckt ich war, als ich „Salò” zum ersten Mal sah, in einem Double Feature nachts. Das war eine Entdeckung, was alles möglich ist im Kino. Ich war sehr verstört, der Film hat mich überfordert. Er hat mich auch beim Wiedersehen überfordert. Aber das hat auf jeden Fall die Neugier und den Wissensdurst angestachelt.

Welche Rolle hat damals das Lesen gespielt?

Zwischen 15 und 19 noch keine große, das hat sich später ergeben. Während des Studiums fing ich an, begierig Filmrezensionen zu lesen. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich sehr gerne die Texte von Mariam Niroumand las, der langjährigen taz-Filmredakteurin, die heute Mariam Lau heißt. Ich habe ziemlich schnell angefangen, möglichst viel ranzuziehen, autodidaktisch, ich habe ja Literaturwissenschaften studiert. Und dann kam irgendwann ein Seminar, „Ästhetik der visuellen Anthropologie“ nannte es sich etwas hochtrabend, und das war super. Es ging darum, wie ethnografische Dokumentarfilme gemacht sind und welche technischen Entwicklungen dafür sorgen, dass Filmemacher bestimmte ästhetische Entscheidungen treffen oder überhaupt erst in der Lage sind, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Das war ein Schlüsselmoment. Es war ein Seminar, das in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft stattfand, und mehrere Leute nahmen teil, die heute alle mit Film zu tun haben, zum Beispiel Hannes Klug, der Drehbücher schreibt, Sandra Prechtel, die Dokumentarfilme macht, und David Bernet, der auch Dokumentarfilme macht. Ich sollte noch erwähnen, dass ich schon früh immer wieder im Ausland lebte und Kino einfach eine super Sache ist, wenn man allein in der Stadt ist und niemanden kennt. 

Ja, es ist schon für Einsame gemacht… und hast du dann für dich schon geschrieben, vorher? Über Filme? 

Richtig angefangen, selbst Filmkritiken zu schreiben, habe ich, als ich Volontärin bei der Siegessäule war, dem schwul-lesbischen Stadtmagazin Berlins. Da gab es Bedarf, während meine Versuche, Filmtexte für die taz zu schreiben, zunächst nicht glückten. Ich kann mich erinnern, dass ich Mitte der 90er Jahre einmal etwas über brasilianische Filme im Haus der Kulturen der Welt schreiben durfte, aber damit war das begehrte Sujet auch schon wieder verriegelt. Und bei der Siegessäule ging’s dann los, bevor ich dann doch für die taz Filmkritiken schreiben konnte, mit Brigitte Werneburg als Redakteurin. 

Wenn ich noch einmal zurück auf Frau Niroumand kommen darf. Was war daran gut?

Sie hatte eine erfrischende Perspektive und sie hatte keine Berührungsängste weder gegenüber dem High noch gegenüber dem Low, weder gegenüber dem Kommerziellen, noch gegenüber dem, was als Kunst galt. Und sie hatte – was ich damals ziemlich interessant fand – eine bestimmte Form von einem feministischen Blick, der nicht ideologisch war. Möglicherweise würde sie das eher abstreiten, dass das feministisch war. Aber es war auf jeden Fall sehr interessant. Sie hat sich auch politisch auf den Meinungsseiten geäußert, da war ich oft nicht d’accord, aber ihrem Blick auf Film konnte viel abgewinnen. Sie war nicht die Einzige, die ich wahrnahm. Ich habe internationalere Sachen gelesen, B. Ruby Rich zum Beispiel fand ich super damals, eine wichtige Inspiration gewesen. Du siehst schon, es geht stark um eine feministische Perspektive, die mir ja auch nach wie vor am Herzen liegt, immer unter der Prämisse, dass es nicht dogmatisch und nicht alles unter diesen Ideologiekritik-Vorbehalt gestellt wird. Eine Perspektive, die eine große Freude und eine große Lust am Kino hat. Und nicht so ein „Ah - Männerblick, böse Sache.” Diese Reduzierung hat mich nicht interessiert.

Wie ging das bei der taz dann weiter? Welches Jahr war das?

Freie Autorin seit Mitte der Neunziger Jahre, noch während des Studiums. Dann das Volontariat und eine erste Stelle in Köln als Redakteurin bei der Stadtrevue … da habe ich auch viel über Film geschrieben, für den Filmredakteur Sven von Reden, hatte aber selbst eher mit Lokalpolitik zu tun, das war inhaltlich nicht die allergrößte Herausforderung. Dann kam ich zurück nach Berlin und war im „Schwerpunktpool” der taz, wie das hieß damals, Reportageredakteurin und habe mich täglich um die Reportageseite gekümmert. 

Gekümmert – oder auch selbst viele Reportagen geschrieben?

Ich habe selbst so gut wie nie Reportagen geschrieben, aber ich habe mir Themen ausgedacht und mit Autoren gesprochen und dann die Texte redigiert und die Seiten produziert, das war meine Aufgabe. Das war dann so taz-typisch. Man fängt an für einen Monat, am Ende des Monats wird’s verlängert um noch ’nen Monat, und nach einer gewissen Zeit war mir das dann einfach zu unsicher. Und ich hatte den Eindruck, dass mir das Selberschreiben fehlte und die Beschäftigung mit Kulturthemen. Also habe ich aufgehört, und ein paar Monate später ging Katja Nicodemus, die damalige Filmredakteurin, zur Zeit, und ich habe mich beworben. Das war der Einstieg.

Wann war das?