Mittwoch, 20. Januar 2016

REVOLVER LIVE! (49): LARDI, STRIESOW, SCHANELEC - GEBEN UND NEHMEN

Am Samstag, den 23.01.2015 diskutiert [Revolver-Mitherausgeber] Christoph Hochhäusler auf den 51. Solothurner Filmtagen mit Ursina Lardi, Devid Striesow und Angela Schanelec über das Geben und Nehmen zwischen Schauspiel und Regie, und zwar im Kino Palace Solothurn, 16.45–18 h. 

Ursina Lardi, Andreas Patton in Angela Schanelecs MEIN LANGSAMES LEBEN.

Devid Striesow, Louis Schanelec in Angela Schanelecs MARSEILLE.

Ursina Lardi in Christoph Hochhäuslers DIE LÜGEN DER SIEGER.


Die Autorentheorie hat einen blinden Fleck, der ironischerweise im Zentrum des Regieberufs steht: die Arbeit mit den Schauspielern. Ob das nun daran liegt, dass sich dieser Prozess klaren Zuschreibungen entzieht, oder weil die innige Beziehung, die der „normale” Zuschauer mit den Schauspielern eingeht, eifersüchtige Konter herausfordert – die Betonung der Handschrift der oder des Einen wird dem komplizierten Miteinander nicht gerecht.

Wie bei einem Tanz lässt sich die Frage der Führung zwischen Regie und Schauspiel nicht autoritär entscheiden. Der Moment der Gnade, der Funken der Freiheit entspringt jenseits der festgelegten Schritte – aber ohne diese Schritte wäre es kein Tanz.

Ursina Lardi und Devid Striesow haben beide am Anfang ihrer Karrieren mit Angela Schanelec gearbeitet, einer Regisseurin, die als Schauspielerin begonnen hat und für ihre rigorose Suche nach einem Spiel jenseits der trainierten Muster steht. In MEIN LANGSAMES LEBEN (2001) spielen Lardi und Striesow zusammen Hauptrollen, Geschwister, in MARSEILLE (2004) hat Devid Striesow eine wichtige Nebenrolle. Später haben die beiden auch kleinere Rollen in zweien meiner Filme übernommen: Devid Striesow in FALSCHER BEKENNER, (2005) Ursina Lardi in DIE LÜGEN DER SIEGER (2014).

Wir wollen uns gemeinsam darüber unterhalten, wie sich die (eigene) Theorie und Praxis durch die Erfahrung verändert haben und was Geben und Nehmen heißt in der Zusammenarbeit zwischen Regie und Schauspielern. Ich freue mich sehr auf das Gespräch.


Christoph Hochhäusler




Eine Veranstaltung der Filmzeitschrift REVOLVER in Zusammenarbeit mit den Solothurner Filmtagen, die Ursina Lardi das diesjährige „Rencontre” widmen. In diesem Rahmen wird auch Angela Schanelecs MEIN LANGSAMES LEBEN (Sa 23.1. 17:45 Kino Palace) sowie Christoph Hochhäuslers DIE LÜGEN DER SIEGER (So 24.1. 20:30 Kino Palace) zu sehen sein. Danke: Sereina Rohrer, David Wegmüller.

IMPLOITATION

Vor ein paar Tagen las ich folgendes auf einem Internet Portal einer deutschen Tageszeitung im Hinblick auf die Vorfälle der Sylvesternacht in Köln:

„Die marokkanische Diaspora, die schon seit Jahren hier lebt, gilt als sehr gut integriert. Was kann sie tun, um die "neuen" Marokkaner auf den richtigen Weg zu bringen?

Es gibt viele Möglichkeiten, zum Beispiel Patenschaftsprogramme zwischen alteingesessenen und "neuen" Marokkanern. Wir müssen ihnen vor allem eines klar machen: Das Leben hier in Deutschland ist kein Kinofilm.“

Und da fiel mir wieder ein, wie wir auf einer Revolver Sitzung im Spätsommer 2015 das Programmheft der Filmreihe zur „Berliner Schule“ in Moskau in der Hand hielten. Hinten im Heft war zu jedem Film ein Still abgebildet, eine Bildersammlung, die jemanden von uns - ich weiß nicht mehr, wer es war - zu der Aussage verleitete: Wenn man in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, in Algerien, Tunesien, der Türkei, Afghanistan, Mali, dem Senegal, Irak oder in Marokko an Schulen, in Gemeindeeinrichtungen und in den Goethe Instituten flächendeckend Filmreihen der Berliner Schule veranstalten würde, dann würde keiner mehr auf die Idee kommen, hier in Deutschland leben zu wollen. Wir haben natürlich alle laut gelacht damals - es war die Zeit, als nach Griechenland alle nur noch über die sogenannte Flüchtlingskrise geredet haben und das Wort Abschreckung auf einmal allgegenwärtig war, ohne dass jemand wirklich offen über die wahren Probleme gesprochen hätte. Und natürlich ist das auch totaler Unsinn, wenn es um Bürgerkriegs- oder brutale Armutsflüchtlinge geht. Was den Traum vom besseren Leben, von der Perspektive angeht, da geht es wiederum um Bilder. So zynisch es zunächst klingen mag, ich glaube, dass da ein wahrer Kern drin steckt in dieser nicht ernst gemeinten, spielerischen Überlegung. Und ich denke, dass das sowohl für als auch gegen besagte Filme spricht.

Ich habe mich dann auch gefragt, ob die noch wirksamere Abschreckung nicht wäre, die Top Ten des deutschen Kinos in Dauerloops zu zeigen, bin dann aber wieder von dem Glauben an die Wirksamkeit einer solchen Aktion abgerückt, obwohl es bei mir wahrscheinlich funktioniert hätte.

Also falls jemand die Sache mit der Berliner Schule als Ernüchterungs- und Desillusionierungsprinzip noch in die Hand nehmen sollte und die Idee umsetzen will, ich stelle meine Filme gern zur Verfügung...

Franz






p.s.: Denkbar wäre auch, dass der Staat in Anti Image Kampagnen investiert und wir auf diese Art vielleicht endlich mal ein schmutziges Gegenkino zustande bekommen. Imploitation gewissermaßen ;-)

Sonntag, 17. Januar 2016

UNBEFANGEN BEFANGEN

Ich glaube, es war Kurt Vonnegut, der einmal gesagt hat, dass in Kriegszeiten die Musik zu Höchstform aufläuft. Das scheint auch fürs Kino zu gelten. Schon der zweite Knaller zu Jahresbeginn im hierzulande fast allen zugänglichen Kinoprogramm: "The Big Short". Nach "Talladega Nights: The Ballad Of Ricky Bobby" auch der zweite Film von Adam McKay, der mich sprachlos macht nach dem Motto: Ich habe keine Ahnung, wie man sowas macht. Da hätte ich wohl 20 Jahre früher aufstehen müssen. Unglaublich, was dieser fantastische Erzähler und Autorenfilmer da zusammenbraut. Wie frei in der Form, wie lebendig, und wie die Schauspieler in diesem aggressiven Vakuum der Verabredung agieren, als ginge es um ihr Leben. Dabei geht es um versprochene zukünftige Zahlen, um zukünftige Macht. Schauspieler, die Spieler spielen, dem kann man sich nur schwer entziehen, erst recht nicht, wenn es so mitreißend erzählt ist, dass alle Grenzen zwischen kriegerischer Gier und Spielfreude verschwimmen. Es ist kein Zufall, dass es am Ende der Spielverderber ist, der alles auf eine Karte setzt: Im Spiel und als Schauspieler: Steve Carell.  Großartig.
Und all das erzählt McKay mitten im schlimmsten moralischen Dilemma unserer Zeit. Mit Privatmenschen. Wer wissen will, wie man Kapitalismus unbefangen befangen erzählt, kann es sich jetzt im Kino ansehen.


Hi-Ho
Franz


Sonntag, 3. Januar 2016

PURE JOY

Ich kann mich nicht erinnen, wann in letzter Zeit ein Kinoerlebnis so nah an einen Cassavetes Film ran kam wie die ersten zwanzig Minuten von JOY, dem dritten Film von Russell, Lawrence, De Niro, Cooper & Co.


A woman under the influence of a family. Überforderung in jeder Beziehung. Keiner erzählt den Wahnsinn Familie zur Zeit besser als David O. Russell. Menschen, die man liebt und die einem gleichzeitig das Leben zur Hölle machen. Ja, so sieht's aus. Und keiner verhält sich dabei pychologisch konsequent. Das ist die eigentliche Sensation der Menschen und speziell der Frauenfiguren in den Filmen des Kollektivs. Wäre toll, wenn sich die deutschen Filmgeldgeber auch endlich damit anfreunden würden, dass sich liebende Menschen jeden Tag aufs neue schlimme Dinge antun. Und zwar völlig unvorbereitet. Und dass die Überforderung wie die Hysterie ein Mittel ist, das glücklich macht.


Die filmische Erzählung: Keine Konsequenz. Weder in Handlung, noch in der Bildführung, noch psychologisch, noch in der Musik, noch in der Voice Over, noch in Rück- und Vorblenden, verrückterweise noch nicht mal eine Love Story, dafür Tränen vor Glück, weil es einer Frau gelingt, einen Wischmop auf QVC zu verkaufen. Einfach toll!


Uramerikanisches Kino. Auch das wie bei Cassavetes.

Franz

p.s.: Treibendes Moment in einem großartigen Soundtrack ist einer meiner Lieblingssongs des letzten Jahres: Alabama Shakes "Gimme All Your Love". Wunderschöner Song.