Montag, 21. September 2015

KINO-ATLAS 1: L.A. REBELLION

Hinweis auf die Aktivitäten der Mitglieder...

Keine Geschichtsschreibung ohne Kategorien. Intervention in Geschichtsschreibung heißt: Kategorienverschiebung. Die mehrteilige Reihe Kino-Atlas, die Lukas Foerster und ich kuratieren und die nun Ende September im Österreichischen Filmmuseum beginnt, geht von der Idee aus, dass Kino etwas mit Gruppierung zu tun hat. So wie ein einzelner Film für gewöhnlich nur zustande kommt, wenn eine Gruppe von Menschen sich über einen begrenzten Zeitraum an einem spezifischen Ort versammelt, gruppieren sich die Filme selbst um soziale Konstellationen: als „Neue Wellen“ in Paris, Tokio oder Taipeh, aber auch als freundschaftlicher Zusammenhang an einer Filmhochschule, als politische Zweckgemeinschaft oder als Produktionseinheit in einem Studiosystem.


Nimmt man solche Formen der Sozialisation als die Grundeinheit der Kinos, so wird der Blick frei auf eine Filmgeschichte, die nicht von National-Kinematografien ausgeht und trotzdem die historische „Verräumlichung“ von Kinopraktiken anerkennt; die nicht dem auteuristischen Geniekult huldigt und doch interessiert ist an den Spuren des Individuellen, die sich ins filmische Bild eintragen; die Stil nicht als formalistisches Abstraktum fasst, sondern als Kondensat eines jeweils spezifischen In-der-Welt-Seins

Passing Through (Larry Clark, 1977)

L.A. REBELLION: Creating a New Black Cinema
Das erste Kapitel des Kino-Atlas: die L.A. Rebellion. Ausgangspunkt war ab Mitte der 1960er Jahre die UCLA Film School, wo sich eine Gruppe schwarzer Studenten zusammengefunden hatte, die nach ästhetischen und politischen Alternativen nicht nur zu Hollywood, sondern auch zu den geläufigen Formen des Autorenkinos ihrer Zeit suchten. Das Kino der L.A. Rebellion entstand in direktem Anschluss an die sozialen Kämpfe jener Jahre – die Civil-Rights-Bewegung, die Watts-Unruhen 1965 – sowie in (kritischer) Auseinandersetzung mit den avancierten Strömungen des nationalen wie internationalen Independent-Kinos.

Soweit sie überhaupt noch ein Begriff ist, wird die L.A. Rebellion heute meist auf wenige Namen – Charles Burnett, Haile Gerima, Julie Dash – verkürzt. Ein umfangreiches Restaurierungsprojekt der UCLA hat es nun möglich und notwendig gemacht, sie dem Friedhof der vergessenen Avantgarden zu entreißen. Dabei wird der Blick frei auf eine sehr viel größere Gruppe von Filmemacher/inne/n (und andere minoritäre Arbeitskontexte, etwa von hispano-amerikanischen oder asiatisch-stämmigen Studierenden); auf ein filmästhetisches Spektrum, das sich keineswegs im Neorealismus erschöpft, das auch wütende Agitation und hochreflexive Introspektion umfasst; und auf einen diskursiven Raum, der weit über die Grenzen dessen hinaus weist, was heute gemeinhin unter „Indie-Kino“ verstanden wird.

Die Retrospektive findet vom 24. September bis 8. Oktober im Österreichischen Filmmuseum statt. Das Programm findet sich hier

Ein Großteil des Programms wird zudem im November im Arsenal in Berlin zu sehen sein.

(eingestellt von Hannes)

Mittwoch, 16. September 2015

HISTORIAS EXTRAORDINARIAS

Im Rahmen der Filmreihe Nuevo Cine Argentino gibt es eine vorerst letzte Gelegenheit, den im wahrsten Wortsinne fantastischen Film "Historias Extraordinarias" zu sehen. Der Film wurde vom Filmemacher Kollektiv El Pampero Cine über vier Jahre mit Freunden an Wochenenden gedreht. Mariano Llinás ist gleichzeitig Autor und Regisseur und spielt mit Agustín Mendilaharzu, der auch die Kamera gemacht hat, und Walter Jakob die drei Hauptrollen. Laura Citarella, die gerade mit ihrem Film "La mujer de los perros" unterwegs ist, hat produziert.




Für mich einer der spannendsten Filme der letzten Jahre, sowohl was seine Produktionsgeschichte als auch was die filmische Erzählung angeht. Zu keinem Zeitpunt hat man das Gefühl zu wissen, was als nächstes passiert. Freitag, 18.9.15 um 19.30 Uhr in der schwangeren Auster (HKW).



franz

Dienstag, 8. September 2015

REVOLVER LIVE! (46) IN PARIS: DENIS LAVANT + ADOLF WOHLBRÜCK/ANTON WALBROOK

Am Samstag, den 10. Oktober 2015 wird sich [Revolver-Mitherausgeber] Christoph Hochhäusler – zusammen mit Sandra Hüller – in einem Revolver Spezial Paris* zwei komplementären Ausnahmeschauspielern widmen: Denis Lavant und Adolf Wohlbrück/Anton Walbrook (1896-1967). 


 
    Denis Lavant in BOY MEETS GIRL, HOLY MOTORS.

Lavants Spiel oszilliert zwischen Archaik und Punk; als brute force ist er synonym mit den Filmen von Carax (BOY MEETS GIRLMAUVAIS SANGLES AMANTS DE PONT-NEUFHOLY MOTORS), aber auch in Claire Denis' Legionärs-Ballett BEAU TRAVAIL oder Harmony Korines MISTER LONELY hat er einen starken Eindruck hinterlassen. In einem Revolver Live! (Cinéma L'Arlequin, 11 h) wird ihn Christoph Hochhäusler zusammen mit Sandra Hüller zu seiner Arbeit, seiner Methode befragen.



 
    Anton Walbrook in THE RED SHOES, LA RONDE.

Wohlbrück/Walbrook war ein unnachahmlicher Melancholiker der Verführung. Früh festgelegt auf den eleganten Aussenseiter, den exzentrischen Künstler, dessen Verfeinerung mitunter in Perversion umschlägt, hat er es als einer der ganz wenigen deutsch-jüdischen Schauspieler geschafft, dem NS-Regime zum Trotz seine Karriere ausserhalb Deutschlands fortzusetzen, und das in drei Sprachen: in England brillierte er in Filmen von Powell & Pressburger (THE RED SHOESTHE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP) und Thorold Dickinson (GAS LIGHTQUEEN OF SPADES), in Frankreich spielte er u.a. bei Max Ophüls (LA RONDE, LOLA MONTEZ). 

Nach der Vorführung von Max Ophüls' großem LA RONDE (Cinéma L'Arlequin, 13.30 h), in dem Walbrook den Erzähler gibt (eine Figur, die in der literarischen Vorlage fehlt) wird der Filmhistoriker und -Kritiker Pierre Eisenreich eine biografische Einführung geben. Danach werden Eisenreich und Hochhäusler – auch anhand von Video-Beispielen – über Walbrooks charakteristisches Spiel sprechen.



DENIS LAVANT

Der Schauspieler Denis Lavant im Gespräch mit Christoph Hochhäusler und Sandra Hüller.

Am Samstag, den 10. Oktober 2015 um 11 h im Cinéma L'Arlequin, Paris.

Das Gespräch wird auf Deutsch und Französisch stattfinden. 

+


HOMMAGE ADOLF WOHLBRÜCK/ANTON WALBROOK (1896-1967)

Einführung von Filmhistoriker und -kritiker Pierre Eisenreich. Vorführung des Films LA RONDE (Max Ophüls, Frankreich 1950). Danach Diskussion anhand von Videobeispielen. Mit Pierre Eisenreich, Sandra Hüller und Christoph Hochhäusler.

Am Samstag, den 10. Oktober 2015 um 13.30 h im Cinéma L'Arlequin, Paris.

Das Gespräch wird auf Deutsch und Französisch stattfinden. 



*) Im Rahmen des 20. Festivals du Cinéma Allemand, in Zusammenarbeit mit Gisela Rueb / Goethe Institut Paris, die den Schauspiel-Schwerpunkt initiiert hat.

---

DER GAST:

Denis Lavant
Geb. 1961 in Neuilly-sur-Seine. Schauspieler. Sammelte als Teenager erste Erfahrungen im Straßentheater und nahm anschließend Schauspielunterricht am Paris Conservatoire bei Jacques Labsale. Diverse Theaterarbeiten. Filme (Auswahl): „Boy meets Girl” (Leos Carax, 1984), „Mauvais Sang” (Leos Carax, 1986), „Les amants du Pont-Neuf” (Leos Carax, 1991), „La partie d'échecs” (Yves 
Hanchar, 1994), „Beau travail” (Claire Denis, 1999), „Tuvalu” (Veit Helmer, 1999), „Mister Lonely” (Harmony Korine, 2006), „I'm Not a F**king Princess” (Eva Ionesco, 2010), „Holy Motors” (Leos Carax, 2012), „Michael Kohlhaas” (2013, Arnaud des Pallières).



IM GEISTE ANWESEND:

Adolf Wohlbrück/Anton Walbrook
Geb. 1896 in Wien, gest. 1967 in Garatshausen. Sohn des Hamburger Zirkusclowns Adolf II. Wohlbrück. Sprössling einer Familie mit langer Schauspieltradition. Nach dem Besuch einer Klosterschule in Wien und dem Gymnasium in Berlin nahm er Schauspielunterricht bei Max Reinhardt. Im Ersten Weltkrieg gründete er in französischer Gefangenschaft das Ascher Gefangenschaftstheater. Nach dem 1. Weltkrieg an verschiedenen Bühnen in München, Dresden und Berlin. Aufgrund seiner Homosexualität (und seinem Status als „Halb-Jude” nach den NS-Gesetzen) emigrierte er 1936 über Frankreich und Hollywood nach England und arbeitete dort als Anton Walbrook. In dieser Zeit setzte er sich aktiv für jüdische Schauspieler und ‘nichtarische’ Angehörige deutscher Schauspieler ein, finanziell oder indem er ihnen die Wege zur Flucht ebnen half. 1947 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte er auch wieder auf deutschen Bühnen, so 1951 in Düsseldorf unter Gustav Gründgens, später in Hamburg und Stuttgart. 1967 erhielt er das Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film. 

Filme (Auswahl): „Marionetten” (1915), „Mater Solorosa” (1922), „Der Fluch der bösen Tat” (1925), „Salto Mortale” (1931), „Der Stolz der Dritten Kompanie” (1931), „Drei von der Stempelstelle” (1932), „Die fünf verfluchten Gentlemen” (1932), „Melodie der Liebe” (1932), „Walzerkrieg” (1933), „Viktor und Victoria” (1933), „Keine Angst vor Liebe” (1933), „Die vertauschte Braut” (1934), „Maskerade” (1934), „Die englische Heirat” (1934), „Eine Frau, die weiß was wie will” (1934), „Regine” (1935), „Zigeunerbaron” (1935), „Ich war Jack Mortimer” (1935), „Der Student von Prag” (1935), „Der Kurier des Zaren” (1935), „Allotria” (1936), „Port-Arthur” (1936), „The Soldier and the Lady” (1937), „Victoria the Great” (1937), „The Rat” (1937), „Sixty Glorious Years” (1938), „Gaslight” (1940), „Dangerous Moonlight” (1941), „49th Parallel” (1941), „The Life and Death of Colonel Blimp” (1943), „The Man from Morocco” (1945), „The Red Shoes” (1948), „Queen of Spades” (1949), „La Ronde” (1950), „König für eine Nacht” (1950), „Wiener Walzer” (1951), 1955 „Lola Montez”, „Saint Joan” (1957), „I Accuse!” (1958).



DIE MODERATOREN:

Christoph Hochhäusler 
Geb. 1972 in München. Autor, Regisseur. Revolver-Gründer und Mitherausgeber. Studium: Architektur an der TU, Berlin; Filmregie an der HFF, München. Filme (Auswahl): „Milchwald“ (2003), „Falscher Bekenner“ (2005), „Séance“ (Kurzfilm, Teil des Omnibusfilmes „Deutschland ’09“), „Unter Dir die Stadt“ (2010), „Eine Minute Dunkel“ (Teil der Trilogie „Dreileben“, zus. m. Christian Petzold und Dominik Graf, 2011), „Die Lügen der Sieger“ (2014).

Sandra Hüller
Geb. 1978 in Suhl. Schauspielerin. Studium: Hochschule für Schauspielkunst „Ernst-Busch”, Berlin. Engagements in Jena (Theaterhaus), Leipzig (Schauspiel), Basel (Theater), Berlin (Volksbühne u.a.) und München (Kammerspiele). Filme (Auswahl): „Madonnen” (Maria Speth, 2005), „Requiem” (Hans-Christian Schmid, 2006), „Anonyma” (Max Färberböck, 2008), „Brownian Movement” (Nanouk Leopold, 2010), „Über uns das All” (Jan Schomburg, 2011), „Finsterworld” (Frauke Finsterwalder, 2013), „Vergiss mein Ich” (Jan Schomburg, 2014), „Amour Fou” (Jessica Hausner, 2014), „Toni Erdmann” (Maren Ade, 2016).

Pierre Eisenreich
Filmhistoriker, Filmkritiker für Positif und andere.


pour la version française, « scrollez » plus bas -