Mittwoch, 19. Februar 2014

BERLINALE 2014 - VIER FILME

409 Filme in über 1000 Aufführungen waren auf der diesjährigen Berlinale zu sehen. Mit seinen insgesamt 14 Sektionen ist das Festival mittlerweile eine ausdifferenzierte Maschinerie, die es sich zur Politik gemacht hat, für jeden Zuschauer ein entsprechendes Angebot im Programm zu haben. Die meisten Sektionen dienen meist jedoch nur sehr bedingt als Orientierungshilfen, zu unausgewogen und austauschbar sind sie leider oft. Doch natürlich gibt es sie, die herausragenden Filme. Sie sind nur besser versteckt, als bei anderen Festivals.


Boyhood (Richard Linklater)

The Second Game (Corneliu Porumboiu)
Boyhood (Richard Linklater) & The Second Game (Al doilea joc, Corneliu Porumboiu)
Zwei Filme in denen die Zeit, und vor allem deren Wahrnehmung, eine prägende Rolle spielt. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren erstreckten sich die Dreharbeiten von Boyhood, ganze zwei Tage dauerte dagegen die Produktion von The Second Game.
Um es gleich vorweg zu sagen: Boyhood ist einer der schönsten Filme, den ich seit einiger Zeit gesehen habe. So viel wurde mir in diesem Film geboten, an Emotionen, feinen Beobachtungen und Sorgfalt, dass ich nach Filmende augenblicklich jegliche Lust verlor, mir noch weitere Filme auf der Berlinale anzuschauen (da kann man eigentlich nur von Glück sprechen, dass ich den Film erst kurz vor Ende des Festivals sah). Über den Zeitraum von zwölf Jahren hinweg schaut Richard Linklater dem jungen Mason und seiner Patchwork-Familie beim Erwachsenwerden zu. Der Übergang ins jeweils nächste Jahr erfolgt immer fließend und wird stets beiläufig inszeniert (der deutlichste Indikator sind jeweils die sich ändernden Frisuren der Darsteller). Jede Form von Spektakel, sei sie narrativ oder inszenatorisch, wird vermieden und glücklicherweise missbraucht Linklater die Geschichte der Familie auch nicht als Allegorie der amerikanischen Gesellschaft post-9/11. Es geht hier um die kleinen Momente, an die wir uns später vielleicht nicht mehr erinnern werden und in deren Flüchtigkeit gerade die Schönheit liegt. Vor allem jedoch ist es ein extrem großzügiger Film, in dem jede neu auftretende Figur eine potentielle Abzweigung der Handlung darstellt und man immer wieder kurz abschweift und sich überlegt, was wohl aus den Figuren geworden sein mag, die dem Fokus von Boyhood entglitten sind.

Das warme Licht der texanischen Sonne in Boyhood weicht in Corneliu Porumboius neuem Film The Second Game einem wüsten Schneegestöber. Wir sehen die Originalaufnahme eines Fussballspiels aus dem Jahr 1988. Dinamo gegen Steaua, die Mannschaft der Armee gegen die der Staatssicherheit. Die Bildqualität ist schlecht, der starke Schneefall macht das eigentliche Spiel so gut wie unmöglich und als Zuschauer lässt sich der Ball nur schwer erkennen. Der Schiedsrichter des Spiels war Adrian Porumboiu, der Vater des Regisseurs. The Second Game zeigt uns das gesamte Spiel in voller Länge. Anstatt jedoch den originalen Fernsehkommentar zu hören, spricht der Filmemacher mit seinem Vater über seine Arbeit als Schiedsrichter im Rumänien unter Nicolae Ceaușescu, die Stärken und Schwächen der beiden Mannschaften und natürlich die argen Wetterbedingungen (Der Sohn: „Erinnerst du dich noch, ob der Schneefall nach Spielende aufgehört hat?“ Der Vater: „Wenn ich damals bereits ein Bauer gewesen wäre, wüsste ich dies bestimmt noch.“). Es ist eindrücklich, welche Vielschichtigkeit Porumboiu aus diesem einfachen filmischen Dispositiv im Verlauf der 90 Minuten zieht. The Second Game ist in erster Linie ein Stück filmischer Erinnerungen, an das Spiel, aber auch an ihr Leben damals. Gleichzeitig liefert Porumboiu humorvolle Bildanalysen. Geraten die Spieler auf dem Spielfeld beispielsweise mit der gegnerischen Mannschaft auch nur Ansatzweise in ein Gerangel oder Wortgefecht, so schwenken die Kameras sofort weg vom Spielfeld hin zu frierenden Zuschauern. Gleichzeitig verwebt der Film mindestens drei Zeitebenen ineinander: das 90-minütige Spiel, die erinnerte Zeit von Vater und Sohn und der Moment der Aufnahme der Kommentar-Spur, die immer wieder vom Piepsen eines iPhones und verschiedenen Anrufen unterbrochen wird.


The Midnight After (Fruit Chan)
That Deman Within (Dante Lam)

The Midnight After (Fruit Chan) & That Demon Within (Mo Jing, Dante Lam)
Zugegebenermaßen ist dies nicht die originellste Paarung. Zwei Mal Hong Kong im Jahr 2013, zwei Genre-Filme in denen die Stadt und deren Textur eine herausragende Rolle spielen. Stellenweise hatte ich sogar das Gefühl in That Demon Within den einen oder anderen Drehort aus The Midnight After wieder zu erkennen. Alles nur Einbildung? Gut möglich.
The Midnight After, der Titel von Fruit Chans neuem Film deutet es bereits an, dass vor Mitternacht etwas geschehen sein muss. Doch auf was sich dieses „after“ bezieht, bleibt bis zum Ende und darüber hinaus unklar. Ein Bus mit vielleicht 15 Fahrgästen manövriert sich durch das nächtliche Hong Kong. Als er aus einem Tunnel kommt, sind plötzlich alle Strassen leer und es finden sich keine Spuren mehr von anderen Menschen. Die Insassen des Busses rätseln: sind sie vielleicht gestorben und das ist eine Form des Jenseits? Oder sind Drogen im Spiel? Doch anstatt sich für diese Fragen zu interessieren, entfesselt Fruit Chan ein sprichwörtliches Chaos auf der Leinwand, dass einem immer wieder den Boden unter den Füssen wegzieht. The Midnight After beginnt als eine Science-Fiction-Dystopie mit Anklängen vom Horror-Film. Doch kaum wurden die Gerne-Fundamente dafür gelegt, wandelt sich der Film in eine Art Kammerstück, dass sich irgendwo zwischen derber Komik und brutaler Farce einnistet und man vielleicht noch als eine überdrehte Sozialkritik umschreiben könnte. Am Ende dann rasen die Protagonisten in einem Bus, begleitet von David Bowies Lied Space Oddity und gejagt von zwei Panzerfahrzeugen, durch die Stadt. Dann ist der Film zu Ende und ich habe schon lange nicht mehr einen so wunderbar chaotischen, ganz und gar unreinen Film gesehen, der in seinen zwei Stunden kräftig aufräumt mit allen möglichen narrativen Konventionen.
Wie auch bei Fruit Chan nimmt die Stadt in Dante Lams neuen Film That Demon Inside eine bedeutende Rolle ein. Die Ausgangsidee ist bezaubernd: Hon Kong (!), der Anführer einer brutalen Gang, schleppt sich blutend in ein Krankenhaus und erhält dort von dem nichts ahnenden und pflichtbewussten Polizisten Dave eine Bluttransformation. Kurze Zeit danach plagen den Polizisten düstere Visionen, ist der Keim des Bösen von Hon während der Transfusion auf ihn übergegangen? Dante Lam erzählt das weitere Geschehen zwischen Dave und Hon mit großer Härte und fulminanten Action-Einlagen. Daneben schafft es Lam sogar noch beiläufig von einer gewaltsamen Gentrifizierung Hong Kongs zu erzählen. Das Ende ist schließlich ein pyromanisches Feuerwerk. Dave jagt einen korrupten Polizisten quer durch die Stadt. Beide Autos rasen in eine Tankstelle. Alles explodiert, alle verbrennen.

Hannes Brühwiler

Sonntag, 16. Februar 2014

52 FRAGEN - - - - - - - - - - - - - - - #2

Gibt es unter den hunderten Menschen, die darüber entscheiden oder Entscheidungen beeinflussen, wofür die staatlichen Gelder für Film und Fernsehen ausgegeben werden, eine einzige Person, die keinen akademischen Werdegang hat?

(Franz) 

Donnerstag, 13. Februar 2014

SPEKULATIONSMASSE

Cannes-Kandidaten 2014,  titelalphabetisch:


1001 grammes / Bent Hamer
3 coeurs / Benoît Jacquot
98 / Hélène Zimmer
A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence / R. Andersson
Adieu au langage / Jean-Luc Godard
Als wir träumten / Andreas Dresen
Amour Fou / Jessica Hausner
Angélique / M. Amachoukeli, C. Burger, S. Theis
Bande de filles / Céline Sciamma 
Bébé Tigre / Cyprien Vial
Bird People / Pascale Ferran
Birdman / Alejandro González Iñárritu
Clearstream / Vincent Garenq
Coming Home / Zhang Yimou
Deux jours, une nuit / Jean-Pierre and Luc Dardenne
Etats de femmes / Katia Lewkowicz
Fusi / Dagur Kari
Gaby Baby Doll / Sophie Letourneur
Hippocrate / Thomas Lilti 
Il giovane favoloso / Mario Martone 
In the Basement / Ulrich Seidl 
Inherent Vice / Paul Thomas Anderson 
Jersey Boys / Clint Eastwood 
Jimmy's Hall / Ken Loach 
L'homme que l'on aimait trop / André Téchiné 
L'institutrice / Nadav Lapid 
La chambre bleue / Mathieu Amalric
La foresta di ghiacciao / Claudio Noce
La Rançon de la gloire / Xavier Beauvois
Le chagrin des oiseaux / Abderrahmane Sissako
Le dernier coup de marteau / Alix Delaporte
Le fil d'Ariane / Robert Guédiguian
Le meraviglie / Alice Rohrwacher
Le règne de la beauté / Denys Arcand
Les combattants / Thomas Cailley
Les Nuits d'été / Mario Fanfani
Leviathan / Andreï Zvyagintsev
Maps to the Stars / David Cronenberg
Mercuriales / Virgil Vernier
Métamorphoses / Christophe Honoré
Mirage / Szabolcs Hajdu
Miss Julie / Liv Ullmann
Mommy / Xavier Dolan
Mon amie Victoria / Jean-Paul Civeyrac
Montanha / João Salaviza
Mr Kaplan / Álvaro Brechner
Mr Turner / Mike Leigh
On the Milky Road / Emir Kusturica
Paradise Lost / Andrea Di Stefano
Phoenix / Christian Petzold
Qu'Allah bénisse la France / Abd Al Malik
Qui vive / Marianne Tardieu
Retour à Ithaque / Laurent Cantet
Saint Laurent / Bertrand Bonello
Sils Maria / Olivier Assayas
Sommeil d'hiver / Nuri Bilge Ceylan
Still the Water / Naomi Kawase
Terre battue / Stéphane Demoustier
The Assassin / Hou Hsiao-hsien
The Charming Rose / Eric Khoo
The Cut / Fatih Akin
The Drop / Michaël R. Roskam
The Duke of Burgundy / Peter Strickland
The Rover / David Michôd
The Search / Michel Hazanavicius
Tourist / Ruben Ostlund
Tristesse Club / Vincent Marriette
Untitled / Lisandro Alonso
Welcome to New York / Abel Ferrara
White God / Kornel Mundruczo
Xenia / Panos Koutras
Zero / Gyula Nemes
(via Cineuropa)

Eingestellt von Christoph

Sonntag, 9. Februar 2014

52 FRAGEN - - - - - - - - - - - - - - - #1

Warum haben wir 57 Jahre nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, 49 Jahre nach Gründung der europäischen Gemeinschaften, 29 Jahre nach dem ersten Schengener Abkommen zur Aufhebung der Grenzkontrollen innerhalb der EG, 22 Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht für die Europäische Union, 12 Jahre nach der Einführung des Euro und 1 Jahr nach Einführung einer nicht progressiv ans Einkommen gekoppelten Abgabe für den öffentlich rechtlichen Rundfunk keinen freien Zugang zu den staatlichen Fernsehprogrammen unserer Nachbarländer?

(Franz)

Samstag, 8. Februar 2014

FILME (BIS DREISSIG MINUTEN)



Unsentimentale Beobachtung:

BIRDS         
von Ulu Braun  15’
Experimentalfilm, Deutschland



Verlust in einer glücklichen Familie:

AS ROSAS BRANCAS
von Diogo Costa Amarante 20’
Spielfilm, Portugal



Freie Utopie:

AFRONAUTS 
von Frances Bodomo 14’
Experimentalfilm, USA




Gezeichnete Verführung:

DO CERCA TWEGO
von Ewa Borysewicz 10’
Animation, Polen



Girl-meets-boy:

PERSON TO PERSON
von Dustin Guy Defa 18’
Spielfilm, USA


Meine Lieblinge in den fünf Programmen der BERLINALE SHORTS 2014

P.S.
Warum nicht ein gut komponiertes Programm mit kurzen Filmen sehen, bei denen die Chance etwas zu entdecken allein wegen der Anzahl höher ist? Inklusive Filme von Außenseitern und Newcomern. Wie „Vilaine fille, mauvais garçon“ von Justine Triet, der 2012 bei den Berlinale Shorts zu sehen war und deren erster langer Film „La bataille der Solférino“ dieses Jahr in Cannes lief. Kurzfilme bieten den schnellsten und durch die Genrevielfalt auch abwechslungsreichsten Zugang zum Filmemachen der Welt.
Man könnte diese Filme auch in die allgegenwärtigen Rezensions-Listen einarbeiten. Gerade den aufgeklärten Kritiker dürfte ja nicht abschrecken, dass diese Filme eher nicht ins Kino gelangen, denn das werden die meisten langen Filme der Berlinale ja auch nicht. Ihr Publikum finden sie dennoch.

(Saskia Walker)