Donnerstag, 31. Oktober 2013

CLAIRE DENIS ON 'BASTARDS'

Vincent Lindon, Chiara Mastroianni in LES SALAUDS.

Interview by David Barker for FILMMAKER MAGAZINE.


Over 25 years of directing films, Claire Denis has explored the silent rhythms of men and women as they move through spaces of romance and violence, attraction and solitude in stories that range from the love affairs of cannibals (TROUBLE EVERY DAY), to the exercises of the French Foreign legion (BEAU TRAVAIL), to the every day spaces of domesticity (35 SHOTS OF RUM). A filmmaker who prefers monologue to dialogue, and silence to any speech at all, her intimate spaces, impressionistic photography, and oblique scenarios can divide audiences, but provide untold riches for those willing to forgo plot devices and sink into the more subtle stories told by the rhythms of bodies in movement.


Bastards writer/director Claire Denis
Claire Denis


Barker: I’m interested in the structure of BASTARDS, but even more so in the textures of the film: the acting, the image, the music, and how they work together. Let’s start with the actors. Inside of such a complicated plot, you create such subtle physical performances, it’s almost like a dance film. Is there anything you can tell me about your process of working with actors?

Denis: It’s always hard to express in a few words how it is to work with actors or actresses. I think it is different for each person. It is the way I like them, what I like in them. Some are anxious, some are… If I had a scene with Alex Decas and Vincent Lindon, they are both anxious actors, but they don’t express their anxiety the same way. So, even if the scene is together I have to feel a certain way for Alex and a different way for Vincent. To direct actors is the right word, and yet as if there is something missing, as if there is a way of pretending. I trust their work. I follow the way they work. And yet at the same time, trying to grab or to steal exactly what I want. But at the same time, it is something, I’m not sure I can say to an actor, please I’m going to steal that from you. You know, so it’s a sort of process of approaching, reassuring, stealing, maybe. And watching with a sort of love and attraction. Otherwise I think I would be unable to direct.

Barker: What the music does in the film is really interesting. When did the choice to do an electronic score come about?

Denis: That’s a choice I had when I started writing the script. I told Stuart that I really liked the way Michael Mann used Tangerine Dream in Thief. It’s so inhuman. I like it, and it goes with the rain. Stuart completely agreed with me about this, and he enjoyed getting a Moog.

Barker: And was he composing while you were editing?

Denis: He started when he read the script. I think it’s a process of sharing as soon as possible. We’ve made seven films together.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

RICARDO BÄR

Ein Dokumentarfilm, der sich selbst bei seiner Entstehung zuschaut. Sehenswert. Jetzt auf der Viennale.
 

RICARDO BÄR (Argentinien 2013)

 
Anbei die Produktionsnotizen der beiden Filmemacher:

RICARDO BÄR, EIN REISETAGEBUCH 
von Nele Wohlatz und Gerardo Naumann 

Dezember 2008

Wir sitzen in einem Restaurant in Buenos Aires. Nele ist zu Besuch aus Deutschland in Argentinien. Ein Freund erzählt uns von deutschen Kolonien aus dem 19. Jahrhundert in der Provinz Misiones. Er zeichnet eine Landkarte auf die Rückseite der Speisekarte und markiert die Zonen mit den Kolonien. Nele überlegt, nach Argentinien zu ziehen, und im Scherz schlägt sie vor, diese Kolonisten zu suchen und zu gucken, was ihnen nach der Immigration passiert ist.

Mit der Speisekarte reisen wir kreuz und quer durch die Provinz. Wir erkennen „die Deutschen“ in den Städten von weitem am blonden Haar, aber wenn wir sie ansprechen, reagieren sie schüchtern. Wir denken, vielleicht ist es einfacher auf dem Land, wenn wir direkt auf ihre Höfe gehen. So landen wir auf dem Hof des Alten Reiss in Colonia Aurora. Er begegnet uns misstrauisch, aber als Nele ihn auf Deutsch begrüßt, lädt er uns auf die Veranda ein. Über dem Eingang seines Holzhauses steht auf Deutsch: Jesus liebt dich. Er spricht mit schlesischem Dialekt und verwendet eingedeutschte spanische Verben. Statt abhauen sagt er escapieren. Der Hof der Reiss ist wie ein uraltes Mini-Deutschland unter Palmen.

Wir bleiben in Aurora. Der Alte Reiss lädt uns für Heiligabend in seine Kirche ein, aber als wir auf seinen Hof kommen, ist er schon weggefahren. Wir wissen nicht, was tun. Wir haben kein Auto und die Sonne steht schon tief. Wir laufen zur Tankstelle, um etwas zu trinken. Von dort aus beobachten wir, wie eine Menge Pick-up’s vor einer anderen Kirche parken, etwas weiter entfernt. Das sind Baptisten, sagt man uns in der Tankstelle. Gerardo sagt, Obama ist Baptist, mehr wissen wir nicht. Wir setzen uns in die letzte Reihe und sehen das Krippenspiel: Jesus ist eine Puppe und die Tiere Kinder mit billigen Plastikmasken. Andauernd geht der Vorhang auf und zu. Das Spiel ist minimalistisch. Die Jugendlichen stehen auf der Bühne und bewegen den Mund zu einer Stimme, die hinter einem Vorhang versteckt vorliest. Das Spiel ist geprägt von tiefem Ernst. Was auf den ersten Blick wie schlichtes Laientheater wirkt, ist ein empathisches Reenactment, ein Dokumentartheater über den Ursprung ihres Glaubens. Später in der Nacht stellen wir uns vor, einen Dokumentarfilm wie ein Krippenspiel zu inszenieren, und mit der gleichen spielerischen Freiheit ein reales Ereignis darzustellen, wie sie es tun.

Dezember 2010
Zwei Jahre später kommen wir mit einer Kamera und verfolgen die Vorbereitungen fürs Krippenspiel. Wir filmen einen der Jugendlichen, Ricardo, der auf seinem Hof die Krippe baut. Er sagt, dass seine Augen so blau seien, weil er soviel in den blauen Himmel schaut. Er macht eine Ausbildung zum Pastor. Zweimal die Woche nimmt er den Bus zum Baptisten-Institut in der Provinzstadt. Sein Vater ist dagegen, er braucht ihn auf dem Hof. Aber gegen eine Berufung durch Gott komme sein Vater nicht an, sagt Ricardo. Eines Tages begleiten wir ihn ins Institut. Im Bus bitten wir ihn für die Kamera zu spielen: er soll schläfrig tun und die Gardine zuziehen. Er versteht auf Anhieb was wir von ihm wollen, es macht ihm Spaß, genau wie im Krippenspiel. Wir beginnen, kleine Handlungen aus seinem Alltag mit ihm nachzuinszenieren.

Sonntag, 27. Oktober 2013

RWF IM 'DSCHUNGEL'


„Morgens um vier bricht Rainer Werner Fassbinder mit seiner Entourage in die Diskothek Dschungel, das Gestrüpp von Herumstehenden vor der Theke weicht sofort zurück, und die ganze Truppe marschiert wie ein Keil nach hinten zur Tanzfläche durch. Dort kleben sich seine Leute an die Wände und trinken stoisch, während Fassbinder in die Mitte strebt und sich zu winden beginnt. Er trägt eine schwarze Jeans, schwarzes Hemd, darüber eine schwarze Weste. Auf dem Kopf hat er einen breiten schwarzen Hut. Sein Gesicht wird von einem fellartigen schwarzen Vollbart verdeckt, dazu Sonnenbrille. Vielleicht kommt er gerade von einem Dreh, es muss kurz vor seinem Tod im Sommer 1982 sein. Spektakulär ist sein Schlüsselbund, ein gewaltiges, schweres Teil. Es hängt mit daumendicker Kette an seinem Hosenbund und reicht bis fast auf die Erde. Der Unerkennbare – die Bühne gehört nach wenigen Minuten ihm allein – beginnt einen expressionistischen Veitstanz, es reißt ihn herum, zieht ihn hinunter, wieder hoch, es schleudert und dreht ihn. Er wird das Opfer seltsamster Verformungen. Seine Fäuste ballen sich, und der Schlüsselbund schwingt als eine Art Gegengewicht, verhindert, dass es ihn vollends umreißt. Nur sein Gesicht, soweit ich es erkennen kann, bleibt starr. Es scheint unermesslicher Schmerz zu sein, den er in dieser Übung stumm herausschreit. Sichtbarer motorischer Kontrollverlust, vermutlich durch Alkohol und Koks, verleiht diesem Ausdruckstanz weitere Eindringlichkeit. Er ist sehr einsam, keiner kann und will ihm helfen. Er ist ein alter Sack.”

Aus: Schmidt, Thomas E.: Als ich mal dazugehörte.

Erschienen in der aktuellen (Sonder-) Ausgabe des Magazins Merkur. Den Text kann man online hier nachlesen.

(Eingestellt von Christoph)

Freitag, 25. Oktober 2013

DVD-RELEASE: 'POLICEMAN'

Gerne weise ich auf die Veröffentlichung der DVD von Nadav Lapids POLICEMAN (Ha Shoter, Israel 2011, 105 min) hin. Als Bonus gibt es einen Video-Mitschnitt des gemeinsamen REVOLVER LIVE! 

Ab heute kann man den Film hier bestellen.



(Eingestellt von Nicolas)