Montag, 30. September 2013

CINEMA OF OUTSIDERS


Hinweis auf die Aktivitäten der Mitglieder:



Der amerikanische Independent-Film fasziniert mich seit langem. Neben aktuellen Arbeiten haben es mir vor allem Filme aus den achtziger Jahren angetan. Morgen beginnt im Zeughauskino in Berlin eine kleine Retrospektive, in der ich 12 Spielfilme aus den Jahren 1977 bis 1989 zeige. Der Eröffnungsfilm ist Bette Gordons VARIETY aus dem Jahr 1983.



Einige der schönsten Momente des US-amerikanischen Films der achtziger Jahre finden sich an dessen Rändern. Im Schatten von immer komplexeren wirtschaftlichen Strukturen entstand in diesen Jahren ein offenes und in vielerlei Hinsicht wegweisendes Kino. Einerseits den späteren Erfolg und die Kommerzialisierung des Independent-Films vorbereitend, knüpfte das unabhängige Kino der 1980er Jahre andererseits an das New Hollywood-Kino der sechziger und siebziger Jahre sowie an Traditionslinien des Avantgarde- und Experimentalfilms an. Einen seiner zentralen Kristallisationspunkte stellte die Konfrontation mit der in der Ronald Reagan-Ära propagierten Lebensweise dar. CINEMA OF OUTSIDERS setzt 1977 mit der vom Neorealismus beeinflussten L.A. Rebellion, dem Aufkommen eines regionalen Filmschaffens und der Gründung institutioneller Strukturen ein. Ihr Ende ist auf das Jahr 1989 festgelegt. Am 3. Februar 1989 starb John Cassavetes in Los Angeles, keine zwei Wochen zuvor hatte Steven Soderberghs Debütfilm Sex, Lies, and Videotape am Sundance Film Festival seine Weltpremiere gefeiert.



Das gesamte Programm findet sich hier.


(eingestellt von Hannes)

Mittwoch, 25. September 2013

RIO - FOCUS GERMANY

IN EIGENER SACHE: 

Das Film Festival Rio de Janeiro zeigt in der Sektion für Nachwuchsfilme u.a. LIFELONG von Asli Özge, DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN von Ramon Zürcher und meinen HALBSCHATTEN. Ausserdem gibt es eine Retrospektive zur Berliner Schule (sogar mit Logo!), eine deutsche Stummfilm-Reihe und eine kleine Werkschau von Ulrike Ottinger. 56 deutsche Kulturprodukte.

Nos vemos allí! / Wir sehen uns dort!
Nicolas
 (Sede do Festival / Festival-Zentrum Rio de Janeiro)

Freitag, 20. September 2013

ULA STÖCKL: REVOLVER LIVE #32





Geschichten vom Kübelkind (1970)

Warum Kübelkind?
Ein Statement von Ula Stöckl und Edgar Reitz

- Weil wir 1969 keine Lust hatten, einen 90 Minuten-Spielfilm zu machen, der wieder ohne Verleih bleibt.
- Weil uns mehr Geschichten einfielen, als für einen Spielfilm gut- gewesen wäre.
- Weil wir uns beim Drehen nicht festlegen wollten, ob der Film 2 oder 20 Minuten lang wird. Deswegen haben wir dann viele 2 - 20 Minuten lange Filme gedreht.
- Weil, wenn man nicht an einen deutschen Verleih denken muß, die Welt wieder schöner wird.
- Weil wir wahre Geschichten lieben, aber auch unwahre.
- Weil das Kübelkind manchmal am Ende einer Geschichte tot sein darf, ohne für die nächste Geschichte gestorben zu sein.
- Weil wir gerne mit Kostümen spielen, aber auch ohne.
- Weil wir gerne eine Erziehungsgeschichte drehen wollten.
- Weil wir alle unsere Freunde in schönen Rollen sehen wollten.
- Weil wir eine solche Wut hatten.
- Weil das Kübelkind gerne fickt.
- Weil wir Scheiße finden, daß sie das büßen muß, und weil wir auch auf die F S K scheißen.
- Weil eines Tages die Kassetten kommen,und weil wir wissen wol- len, ob das auch wieder so wird wie mit den Verleihern.
- Weil wir vom Bundes-Innen-Ministerium gerade Geld bekommen hatten und es auf keinen Fall zurückgeben wollten.
- Weil wir auch Kübelkinder sind...
- ... und schließlich haben wir dann in München ein Kneipenkino aufgemacht, und da läuft Kübelkind alle Tage außer montags ab 23 Uhr, Eintritt D M 3,50, und Kübelkinder stehen auf der Speisekarte.



Nicht besonders wertvoll
Filme im Münchner Rationaltheater - von Frieda Grafe

Kübelkind soll ein Wiener Schimpfwort, ein Kraftwort sein, um zu bedeuten, daß jemand der letzte Dreck ist, zum Wegschmeißen, am Anfang dieses Wortes steht die Vorstellung von der Nachgeburt, die in die Abfalltonne geworfen wird. Die Figur, die so heißt in den Filmen von Ula Stöckl/Edgar Reitz, taucht folgerichtig aus einer schwarz-roten, diamanten schimmernden Masse in einem Müllkübel auf. Gleich als fertiges Mädchen, um die Zwanzig. Jemand von der Wohlfahrt entdeckt sie da. Ein Kübel ist kein menschenwürdiger Wohnort, deshalb wird sie in die Gesellschaft eingeführt. Das sind viele, häufig wechselnde Pflegestellen, die alle auf diese und jene Weise zu ihrer Entwicklung beitragen. Aber wie man schon aus dieser vater- und mutterlosen Geburt schließen kann: Therese ist ein kleines Monster. Undisziplinierbar, zigeunerhaft, eine Gefahr für alles Normale. Nachwuchs im eigentlichen Sinn ist sie nicht, nur Ausschuß. Und auch Alraune.
Die Freiwillige Selbstkontrolle, der Schutzverband der Kinobranche, hat das gleich erkannt. So viele polierte Schweinereien sie auch sonst durchläßt, meistens unter dem berühmten Kunstvorbehält: Hier konnte sie keine Kunst mehr sehen. Darin hatte sie auch recht.
"... randvoll mit unsittlichen Redensarten, Verunglimpfung reliöser Werte, Darstellung des Sexuellen in abstoßender Form ... Ergebnis: freigegeben ab 18 Jahren mit Schnittauflagen, aber nicht an den gesetzlich festgelegten stillen Feiertagen." Wer wissen möchte, aus welchen Vorurteilen das allgemeine moralische Empfinden derer sich zusammensetzt, die die Kinos mit Pornoschinken verstopfen, der sollte sich die GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND anschauen. Auch noch aus anderen Gründen.
Man kann sie abends ab 23 Uhr im Rationaltheater in der Hohenzollernstraße sehen. Für 3.50 Mark kann man aussuchen aus den inzwischen fertiggestellten zweiundzwanzig Geschichten. Wenn man Glück hat, das heißt, wenn genug andere Gäste von denselben Titeln sich anlocken lassen, bekommt man sie zu sehen. Außer Kübelkindgeschichten gibt es noch Filme (4-30 Minuten Länge) aus der Kinofrühzeit, von Griffith, Ince, Melies mit Gloria Swanson, Mary Pickford, Mack Sennetts Bathing Beauties, Harry Langdon und Tarzan.
Und zwischendurch geht immer wieder das Licht an. Die Gäste gruppieren sich ständig neu, wie in einem Kaleidoskop, mal zur Leinwand, mal ums Bier. Das ist sicher noch nicht das, wovon die Anvantgardisten unter den Kinomachern und -bauern träumen, die wegkommen wollen vom Guckkastenkino. Aber es ist eine kleine Veränderung. Man erfährt an sich selbst, was für ein reaktionärer Kunstkinogänger man ist, weil man lieber schön kontinuierlich im Dunklen sitzen mag, sich faszinieren lassen will und die, die immer schon alles wissen und ständig reden, am liebsten erwürgen möchte. Der Faszination und in Schweigen zu verfallen - soweit kommt es bei dieser Art Filmen und Vorführung nie. Es wird ununterbrochen geredet. Außerdem, daß man weiß, wohin der Hase läuft, ist eine der Grundgegebenheiten dieser kurzen Filme.
Bei den alten, weil unser Kino sich aus ihnen entwickelte; es sind seine Ursituationen, Urszenen. Bei den Kübelkindgeschichten, weil sie ganz eindeutig allem Autorenkino entgegengesetzt konzipiert sind, keine originelle, eigene Erfindung. Sie sind so vater- und mutterlos wie Therese. In allem sekundär. Wiederholung, Nachahmung; Parodie wäre schon zuviel gesagt, Rückgriff auf populäre Vorstellungen mit Hexen, Vampiren, entsprungenen Nonnen, auf bekannte Genres: Operetteneinlagen und Verfolgungsjagden wie mit den Keystone Cops. Besonders hübsch sind einige Verkleidungsnummern, inszenierte Stücke aus Dumas' 'Drei Musketiere', deren unglaublich verfilzte Erzähllogik gerade dadurch, daß sie so abgebrochen aufgeführt wird, schlaglichtartig an heruntergekommener Romantechnik darstellt, was wir unter glaubwürdiger Erzählkunst zu verstehen gewohnt sind. Die Kübelkindgeschichten sind nämlich auch gemacht gegen das Erzählkino - und da liegen ihre Verbindungen zu den Stummfilmen -, das mit dem Tonfilm sich breitmachen konnte; sie sind Antikulturfilm - wegen ihrer Stückhaftigkeit und Unabgeschlossenheit, weil in ihnen unaufhebbare Widersprüche nicht durch Erzählkontinuität harmonisiert werden, wegen der (vor allem sexuellen) Aufsässigkeit ihrer vagabundierenden Hauptfigur,wegen der eigenartigen Verlängerung irrealer Strukturen. Sie unter den beschriebenen Umständen herzuzeigen, ist ein Symptom der gegenwärtigen Kinosituation.

Süddeutsche Zeitung, 14.4.1971



Welchen Reitz liebt man am Ende am meisten? Welcher bringt einen hier und jetzt weiter? Der Epiker? Der Handwerker? Der Träumer? Vielleicht der von seiner Zeit und Welt bewegte Mann, der mit Ulla Stöckl GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND (1970) machte, eines der großartigsten Werke des bundesdeutschen Films. Das Kübelkind ist nicht brav. Es ist so asozial wie alle Kinder, denen die Eltern nicht das letzte bisschen Selbst wegerzogen haben, oder vielleicht noch ein bisschen mehr. Die Geschichten sind manchmal eklig und manchmal erschreckend und manchmal komisch und manchmal drollig. Geschichten vom Kübelkind ist durch und durch Kino in 23 Geschichten. Man könnt sein ganzes Leben mit den 204 Minuten der Geschichten vom Kübelkind verbringen.




Dienstag, 17. September 2013

KID-THING

Eine menschenverlassene Gegend von all den Dingen bevölkert nach denen das Indie-Genre des White Trash verlangt: Gotscha-Waffen, Slush-Maschinen, BMX-Räder, Comic-Masken. Das Märchenhafte an KID-THING aber ist, dass nichts romantisiert wird, sondern grimmiger Humor herrscht und der einzige Ausweg ein abenteuerlicher Sprung in den nächsten Alptraum ist. 
Derzeit im Kino!



(Eingestellt von Nicolas)

Donnerstag, 12. September 2013

CARGO #19


Das neue Cargo-Heft ist erschienen. Aus dem Inhalt:

Jacques Rivettes Out 1 +++ João Viana im Gespräch +++ Lens Flares in Film und Game + Inside Belá Tarrs «film.factory» +++ Lunch mit Orson Welles +++ Texte zu: Alain Guiraudie, Arnaud de Pallières, Paul Schrader, Amy Heckerling, Duncan Campbell +++ Deutsches Gegenwartskino: Finsterworld + Andere Heimat + 00 Schneider 2 +++ Editorial Aboprämie: DVD: Heino Jaeger – look before you kuck


Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis findet sich hier, Verkaufsstellen dort, und natürlich kann man Cargo auch abonnieren.


(Eingestellt von Christoph)

Dienstag, 10. September 2013

REVOLVER LIVE #32

Preview

Revolver live!
Dienstag 1.10. 2013 um 19.30 im Roten Salon der Volksbühne Berlin
Ula Stöckl im Gespräch mit Saskia Walker




"Perhaps you could call NEUN LEBEN HAT DIE KATZE the first women's film in West Germany. I was interested more in women because I knew more about them. Moreover, I relegated men to the dream images they have of themselves as absent. We see no men in the film, just women who live only for their relations with men. Today, more than ten years later, I think the struggle has shifted to another arena: Can people live together permanently at all?"

Interview mit Ula Stöckl in Jump Cut (Marc Silberman) 1984