Dienstag, 21. Mai 2013

WENN DU DENKST, DASS DU DENKST

Traum und Erinnerung an Christiane 1985, in der Reeperbahn 77.


Foto: Katrin Eißing.

 















Den Weg vom Kino nach Hause, auf der ganzen langen Reeperbahn und noch im Treppenhaus stritten wir uns über das Ende des Films. Science-Fiction Klassiker mit Bücherverbrennung, in dem die Rebellen Bücher rezitierend durch einen Winterwald (das Versteck) gingen, den Neuankömmlingen ein Buch als ihr neues Leben gaben. Das sollten sie dann auswendig lernen, um ihr Leben dann also ein Leben lang aufzusagen und den Text vor ihrem Tod an jemand anders weiterzugeben. Die anderen wurden dann auch ein neues lebendes Buch. Ein alter Mann sagte einem kleinen Jungen den Text eines der materiell für immer verlorenen Bücher vor. Der wiederholte es. Welcher Text war das eigentlich?

Oskar Werner jedenfalls verbrennt in FAHRENHEIT 451 von Truffaut als Feuerwehrmann mit einem Flammenwerfer Bücher und nicht zu knapp. Die Leute, die die Bücher unter Lebensgefahr verstecken, kommen ins Gefängnis. Seine Frau liest aus Versehen ein Gedicht und muss dann weinen. Das dient als Beleg für die Schlechtigkeit der Bücher und der Schrift überhaupt. Ich fand also auf der Reeperbahn gehend, die Wahrheit sei nicht gleich „Wissen”, also eine Art Materialsammlung. Es gab nicht nur in FAHRENHEIT 451 noch keine Computer für alle. Ein Text existierte also noch in den 80zigern nur tatsächlich aufgeschrieben. Ein Foto wurde immer kompliziert und im Dunkeln hergestellt. Ein Film war Licht durch Plastik geschossen. Ich weiß gar nicht mehr, was digital damals bedeutete? Fieberthermometer?

Christiane verkündete, drei Treppenstufen über mir, im hoch angeschlagenen Ton („Ansprache ans Volk”): Die Materie (Wissen/Text als chemische Substanz?) sei das Einzige, was von ihr (der Wahrheit?) kündet und das müssten wir, wie unser eigenes Leben bewahren. Ich meinte ein bisschen auch um sie zu ärgern: die Wahrheit gibt es nicht, schon gar nicht aufbewahrt, wenn nur dann, wenn sie gerade entsteht. Ich dachte damals sowieso ein richtiger Dichter sei auch einer, wenn er nichts aufschreibt. Er produziere nämlich durch seinen Erkenntniswillen so eine Art „Ausdünstung einer Umwandlung” So wie Feuer Qualm zum Beispiel… (Also vielleicht muss man dazu sagen: Jugend der Achtzigern: Punk, Zen, Fluxus, Konzeptkunst, der Künstler der sich in heiligem Nichts auflöst oder totdrogt.)

Christiane wurde richtig sauer: „Diese blöde Hippiekacke”. Sie wollte, die „Wahrheit” als materielle, feste Form sehen können, also ein Buch zum Beispiel eben auch als chemisches Konzept. Bewahren , Aufheben, Weitergeben, in den Dingen sollte die Wahrheit sein. Ich fand das Schreiben und Geschichten ausdenken wichtiger, als dann den ganzen Kram zu lagern. Wir wurden unversöhnlich und schrien uns an. 

C.: „Wie blöd du bist, wir reden hier doch mit Worten! Das ist alles was übrig bleibt von uns! Das was wir mal in diesem beschissenen, beschränkten Code abgeliefert haben.”

K.: „Wieso soll überhaupt etwas übrig bleiben. Menschen haben Bücher geschrieben um sie zu vergessen.” „Andere lesen sie dann aber, um sie zu bewahren.” „Wen oder was denn? Die Gedanken? Den Text? Spinnennetze und Bäume vergehen auch und sind viel größer, wieso nicht ein Text?”

Ich wollte sie umarmen. „Lass mich in Ruhe mit dieser ganzen Gefühlsscheiße. Lass mich bloß in Ruhe damit!!!” Wir hatten uns auf der Treppe einfach missverstanden denke ich heute. Später tat mir meine irre Dickköpfigkeit wahnsinnig leid, weil es eines der letzten Male war, dass wir uns lange unterhalten hatten. Als ich nach Indien losfuhr rief sie mir in den U-Bahnschacht hinein nach: „Werd wie du bist.” Und ich rief mit meiner kaputten Stofftasche im Arm zurück: „Sei wie du willst.” Vor mich hin dachte ich voller großer und ärgerlicher Liebe: „Christiane muss ja wieder wissen wie ich bin. Arrogante Kuh.”

Es war ein Abschied für immer. Ich kam zurück, wollte sie besuchen und ihre Wohnung in der Reeperbahn 77 (gegenüber vom Club 88) war leer. Was sie in der kurzen Zeit in der sie lebte gezeichnet und aufgeschrieben hatte, ist in der Silbersacktwiete geblieben. Ich wollte den Koffer sehen, aber ich wusste auch nicht wohin damit. Es war auch ein so elend trauriger Ort und N. und eine Stripteasetänzerin zu beschäftigt um den Dachbodenschlüssel zu finden. Und was auch so ist, wenn ich das hier aufschreibe, kann ich ihre Stimme hören.

Katrin Eissing

Donnerstag, 16. Mai 2013

EUROPA DURCHQUERT

Zu behaupten, unsere Welt sei schnelllebig, ist eine Untertreibung. Die „Zeitung von heute” ist veraltet, noch bevor sie gedruckt ist. Und natürlich ist nichts älter als das Festival von gestern. Bei „Crossing Europe” in Linz versucht man sich der Logik des Jetzt und Sofort zu Entziehen – weshalb es vielleicht Sinn macht, hier die Notizen von Gabriela Seidel-Hollaender nachzuliefern, die für uns ihre Eindrücke aufgeschrieben hat. (Das Festival ist vor zwei Wochen zu Ende gegangen) ch

Das Donauschiff „Anton Bruckner“ liegt gleich neben dem Lentos Kunstmuseum und legt stromaufwärts ab. Gegenüber blinkt die LED-Leuchtenfassade eines modernen Gebäudes in grellen Farben. Verschieden Formen entstehen auf den Flächen des Baus. Es ist das Ars Electronica Center, das 1979 gegründet wurde und nach Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft sucht. 1988 wurde dort der Pixar Gründer John Lasseter mit dem Ars Electronica Preis geehrt. Auf der anderen Seite, etwas weiter weg vom Ufer liegt der barocke Hauptplatz der Stadt mit seiner Pest- oder Dreifaltigkeitssäule aus dem 18. Jahrhundert. Was für ein Kontrast. 
Ich treffe Kollegen, Bekannte, Freunde. Festivalgäste und Mitarbeiter sind an Bord, es gibt Steckerlfisch, man tauscht sich aus. Ich bin froh, dass ich da bin, werde viele Filme sehen und Leute treffen, die mich interessieren. 

Später gehe ich in den Ursulinensaal des ehemaligen Barockklosters und schaue mir „Chemical Brothers: Don’t think“ von Adam Smith an. Ein Film des Liveauftritts der Band in Japan. Technomusik und eine psychedelische Bühnenshow. Aufgenommen mit 21 Kameras, wie ich später nachlese. Die ekstatische Show überträgt sich durch den Film in den Saal: Einige Zuschauer tanzen. Super Show, gut gemacht. Trotzdem fühle ich mich bestätigt: Ich mag eigentlich Konzerte und Bühnenshows im Film nicht oder jedenfalls nicht besonders. Weil hier der Film zur Konserve wird. Der Liveauftritt steht ja für sich. 

Am nächsten Morgen der griechische Film „To Agori Troi To Fagito Tou Pouliou / Boy Eating the Bird’s Food“ von Ektoras Lygizos. Der Film hat weniger als 10.000 Euro gekostet, erfahre ich später. Er ist mit einer kleinen digitalen Spiegelreflex-Fotokamera gedreht. Der Junge, der das Vogelfutter isst, ist ein Sänger in Athen, der sein Geld nicht mit seiner Kunst verdienen kann. Er hält sich stattdessen mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Doch es gelingt ihm nicht und er dreht zusehends durch, endet auf der Straße. Die wackelige Handkamera bleibt dicht am Protagonisten und zieht den Zuschauer auf beinahe körperlich anstrengende Weise mit hinein in seinen alltäglichen Kampf um Job und Überleben. Mir ist ganz schwindelig. Als ich rauskomme kaufe ich mir gedankenlos eine Tüte Studentenfutter.

Am Nachmittag der schwedische Spielfilm „Äta sova Dö / Eat Sleep Die“ von Gabriela Pichler. Mir gefällt der Titel: Statt „Eat Pray Love“- „Eat Sleep Die“, viel realistischer und ein wirklich schöner Film. Die Schauspielerin Nermina Lukac spielt eine aus Montenegro stammende arbeitslose junge Frau in Schweden die alles daran setzt wieder einen Job zu finden. Lukac macht das so energiegeladen wie überzeugend. Und der Film entlässt einen, trotz all der gezeigten Schwierigkeiten, mit einem Gefühl der Hoffnung.

„Sekret / Secret“ heißt der neueste Film des polnischen Regisseurs Przemysław Wojcieszek. Das Festival zeigt ein Werkschau des Regisseurs, sechs Filme hat er gemacht, einer davon „work-in-progress“. Die Festivalleiterin Christine Dollhofer erzählt mir später, dass die Negative der Filme Wojcieszeks verschollen waren. Die Produktionsfirma gibt es nicht mehr und die Filme waren verschwunden. Das Festival hat das polnische Kulturinstitut dafür gewinnen können Kopien zu ziehen, die archiviert werden. Der Kinosaal ist klein und voll. Draußen steht eine Schlange von Leuten, die noch rein wollen. „Secret /Sekret“ ist knalliger, radikaler Film der an der polnischen Geschichte kratzt und Tabus berührt. Ein Drag-Queen-Tänzer und seine jüdische Agentin Karolina fahren zu seinem Großvater aufs Land. Der lebt in dem ehemaligen Haus von Karolinas Großeltern und sie ist überzeugt davon, dass er für ihren Tod verantwortlich ist. Der Regisseur arbeitet mit unterschiedlichen Stilen, Jump Cuts, und einer eigenwilligen Dramaturgie. Der Film hat eine starke Wirkung auf mich, auch wenn ich einiges zu dick aufgetragen finde. Aber er trägt eine große Energie, auch Wut in sich, was mir gefällt. Beim Abendessen sitze ich am Tisch mit Przemysław Wojcieszek. Er sagt, „Secret / Sekret“ ist sein wichtigster Film weil er hier keine Zugeständnisse gemacht hat. Er hat genau das machen können was er wollte. Obwohl auch dieser Film mit einem sehr geringen Budget entstanden ist. Ich frage ihn nach seiner Kamera. Auch er hat mit einer Fotokamera gedreht. Aber er hat fast ausschließlich mit Stativ gearbeitet. Die Kamera ist phantastisch, meint er, nur die Grautöne fehlen. Wojcieszek hat sich viel mit Fassbinder beschäftigt und vermisst bei den deutschen Regisseuren heute die Besessenheit von RWF. Alles ist brav und reflektiert findet er, kaum einer brennt für seine Sache so sehr wie Fassbinder, ist so verrückt. Ich sage, es gibt deutsche Regisseure, die für ihre Sache brennen, aber sie brennen anders. Vielleicht hat er trotzdem recht. Zu brennen drückt sich heute anderes aus als zu Fassbinders Zeiten. 

Am späten Abend gehe ich wieder in den Ursulinensaal. Diesmal wird die sexuell aufgeladene skurril-bunte Elektro-Pop-Oper der Bühnenkünstlerin Peaches gezeigt: „Peaches does it herself“. 

Ich frage mich, wie viele Filme man an einem Tag sehen kann. Ich glaube mehr als vier Filme sind eigentlich kaum zu schaffen. 

Nächster Tag: Im EXTRA KINO des OK sind Film-Installationen des israelischen Künstlers Omar Fast zu sehen. Sein Film „Continuity“, der bei der dOCUMENTA 13 Premiere hatte, wird in einem aus Karton gebauten Kunstkinosaal gezeigt. Eine Art Zelt aus Pappe. Das Festival zeigt mehrere Cross Over-Projekte. Geruchskino von Wolfgang Georgsdorf, Collagen aus Found-Footage: Bildern, Fotos, Postkarten und 16mm Material von Thomas Draschan. Die Schnittstelle zwischen Film und Kunst, die Reflexion über den Kinoraum: geschlossen, offen, innen und außen, online, interaktiv. Ein Versuch den Kinobegriff zu erweitern. Öffnet Kopf und Vorstellung dafür, was Film eigentlich ist und sein kann.

Ich gehe wieder ins Kino. „Im Alter von Ellen“ ist ein Film von Pia Marais der von einer Flugbegleiterin erzählt, die aus dem was ihrem Leben bisher Struktur gab herauskatapultiert wird und anschließend ziellos durch ihr Leben driftet. Wir beobachten sie dabei bis sie schließlich in Afrika landet. Sie schließt sich zwischendurch einer Gruppe von militanten Tierschutzaktivisten an, die in ihrer Wohngemeinschaft einen radikal-basisdemokratischen, in Wahrheit pseudopolitischen Lebensstil pflegen. Pia Marias konfrontiert diese Gruppe mit ihrer somnambulen Protagonistin, die ihr Konzept konterkariert. Jeanne Balibar spielt die 40-jährige Ellen fragil und zugleich in sich ruhend, geheimnisvoll, nie eindeutig. Eine Figur auf der Suche nach der Lebensform die zu ihr passt. Und das in einem Alter, wo gemeinhin von ihr erwartet wird, zu wissen, wo es für sie hingeht. Im Gespräch nach dem Film sagt Balibar sie hatte das Gefühl, dass Pia Marais in Deutschland deswegen keine Schauspielerin für die Rolle gefunden hat, weil sie in Wahrheit von Anfang an eine Schauspielerin aus dem Ausland wollte. Die Rolle lebt von dem schwebenden Element der Figur und deren Deplatziertheit. Sie gehört nirgends richtig dazu. Balibar ist die perfekte Besetzung. 

Ein weiterer Film ist mir stark in Erinnerung geblieben. „Es muss was geben“ von Oliver Stangl und Christian Tod. Der Dokumentarfilm porträtiert die Linzer Underground-Musikszene Ende der 70er bis Anfang der 90er Jahre und mit ihr die Stadt und deren Geschichte. Auch hier geht es um Lebensformen und –entwürfe und eine rebellische Haltung, die überhaupt nicht verstaubt wirkt.

Ich spreche mit der Festivaldirektorin Christine Dollhofer, frage sie nach dem Konzept des Festivals und ihrer Bilanz nach zehn Jahren. Sie ist zufrieden, freut sich über die entstandene Kontinuität. Für viele Regisseure ist das Festival ein Ort zu dem sie gern zurückkommen. 

Auf der Außenwand des Kinos Movie 1 die Projektion eines Fallschirmspringers der seine schwerelosen Kapriolen im freien Fall schlägt. Ich denke sofort an den Salzburger Extremsportler Felix Baumgartner, der uns letztes Jahr mit seinem Sprung aus der Stratosphäre genervt hat. Bis die Kamera aufzieht und wir uns in einem überladenen taiwanesischen Haushaltswarengeschäft wiederfinden, in dem der Fallschirmspringer im Fernsehen zu sehen ist. Es ist der Crossing Europe Trailer von Ella Raidel. Er ist aus dem Kino herausgetreten und nimmt den öffentlichen Platz in Beschlag. 


Gabriela Seidel Hollaender

Donnerstag, 9. Mai 2013

'AMOK' IN DER VIERTEN WELT


Veranstaltungshinweis:

Zwischen 30. Mai und 6. Juli 2013 gibt es in der 'Vierten Welt' (am Kottbusser Tor, Berlin-Kreuzberg) eine Veranstaltungsreihe unter der Überschrift „Amok. Manifestationen des School Shooters”. Im Mittelpunkt steht der Amokläufer als moderne Medien- und Handlungsfigur. Die Reihe „verbindet Filmsichtungen und Lesungen mit moderierten Expertengesprächen, um schließlich in einen offenen Dialog mit dem Publikum zu münden” schreiben die Veranstalter André Grzeszyk und Simon Kleinschmidt

Zum Auftakt (am 30.05.2013, 19 h) wird der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl u.a. über Edward Dmytryks THE SNIPER (USA 1952) diskutieren. Gelesen wird aus Original-Dokumenten von Charles Whitman. 

Insgesamt 10 Termine, 10 Filme und 10 Gäste stehen an. Hier die Terminübersicht.

Christoph

Donnerstag, 2. Mai 2013

WERKSTATTGESPRÄCH FRANÇOIS OZON

François Ozon

Marcus Seibert: Wie machen Sie das, jedes Jahr einen Film zu drehen?

François Ozon: Ich liebe meine Arbeit, folge also vor allem meinem Vergnügen, wenn ich drehe. Es gibt eine Reihe Filmemacher, die leiden beim Drehen. Ich gehöre nicht dazu. Außerdem habe ich zum Glück nie Probleme gehabt, mich von Themen inspirieren zu lassen. Die findet man überall, muss man nur die Augen offen haben und sich umsehen. Das Problem besteht eher darin, einschätzen zu können, was sich umzusetzen lohnt. Aber wenn ich mehr Zeit hätte, könnte ich zwei oder drei Filme im Jahr drehen, wie Fassbinder. Nur leider muss ich ja zwischendurch, wie jetzt für „Dans la maison” („In ihrem Haus”), auch auf Werbetour gehen.

MS: Sie haben Fassbinder erwähnt und beziehen sich oft auf diesen deutschen Filmemacher. Wie kommt dieser Bezug zustande?

FO: Ich konnte mich als Student nie auf eine Art Kino festlegen und fühlte mich von sehr verschiedenen Filmen angezogen. Zwischen all den anderen Studenten, die genau wussten, was sie später machen wollten, habe ich mich mit meinen gegensätzlichen Vorlieben verloren gefühlt. Fassbinders Filme haben mich bestätigt und von dem Druck befreit, mich entscheiden zu müssen. Da war jemand, der völlig frei von Zwängen auftrat, vor nichts Angst hatte und Genres mischte, wie es ihm gefiel. In seinem Werk findet man Sozialdramen, Komödien, Melodramen und immer wieder extrem stilisierte, theatralische Filme. Mich hat diese Vielfalt begeistert, die unerschöpfliche Energie, die Arbeit in einer Art Schauspielerfamilie.

MS: Sie haben eines seiner Theaterstücke adaptiert, „Tropfen auf heiße Steine”.

FO: Ja. Er war siebzehn, als er das geschrieben hat. Mich hat die Reife des Stücks begeistert, diese Hellsichtigkeit, was Paare und Liebesbeziehungen anbelangt. Eigentlich wollte ich das Stück ja gar nicht verfilmen. Ich war gerade selbst dabei, einen Stoff über ein Paar zu schreiben, eine Liebesgeschichte. Aber dann habe ich „Tropfen auf heiße Steine” im Theater gesehen. Das war genau das, was ich schreiben wollte. Da habe ich dann lieber gleich das Stück adaptiert.

MS: Durch die Übersetzung haben Sie dem Fassbinder-Text zu einer Leichtigkeit verholfen, die seine Diktion auf Deutsch nicht hat.

FO: Auf Französisch klingt das immer noch ziemlich künstlich. Aber das war mir egal. Ich mochte dieses Stück. Ich mag es immer noch. Was übrigens diese Künstlichkeit von Übersetzungen anbelangt, so spürt man die auch in Filmen wie „Amour” von Michael Haneke zum Beispiel.

MS: Das Drehbuch wurde von einem französischen Drehbuchautor übersetzt.

FO: Klingt aber eben übersetzt, auch im Stil, wie sich die Figuren äußern.

MS: Sie haben seit dem Fassbinder-Film eine Menge Theaterstücke verfilmt. Theater ist ja für viele eher der Feind des Kinos.

FO: Für mich war das noch nie so. Ich liebe das Theatralische im Film. Viele Regisseure wollen das im Film möglichst zurückdrängen, aufgrund der Kinotradition, die sich vom Theater erst mal absetzen musste. Mir macht das keine Angst. Vielleicht ist das meine Brecht’sche Seite. Ich liebe
Verfremdungseffekte und finde es immer wichtig, dass der Zuschauer nicht vergisst, dass er einen Film sieht. Ich mag diese reflexiven Moment und einen gewissen Abstand in der Erzählweise.

MS: Es ist also für Sie bereits eine Verfremdung, aus einem Theaterstück einen Film zu machen.

FO: Nicht unbedingt. Das hängt von der Adaption ab. Ich habe schon Filme gedreht, wo ich die Theatervorlage eins zu eins umgesetzt habe, zum Beispiel bei „Tropfen auf heiße Steine” oder „Acht Frauen”. Diese Filme spielen mit der Idee des Theatralischen, die immer ein Element des Films gewesen ist. In meinem letzten Film, „In ihrem Haus” habe ich eher versucht, gegen den theatralischen Aspekt des Stückes zu arbeiten und eine filmische Umsetzung zu finden, der man das Theaterstück nicht mehr anmerkt.

MS: Aber am Ende des Films schließt sich wieder ein Vorhang...

FO: ...weil das Leben eine Bühne ist, auf der wir die Darsteller sind, wenn Sie so wollen. Wir alle tragen Masken. Das ist doch die Wirklichkeit.


Ein Bild aus DANS LA MAISON (F 2012).

MS: Wie sind sie auf das Stück von Mayorga gekommen. Haben Sie seinerzeit die Inszenierung im Théâtre de la Tempête gesehen?

FO: Ja. Ich werde ziemlich oft von Schauspielern gebeten, mir ihre Stücke im Theater anzusehen. Ich hab im Allgemeinen nicht viel Lust dazu, aber in diesem Fall hat eine Freundin von mir so lange nachgehakt und der Titel des Stücks „Der Junge aus der letzten Reihe” gefiel mir so gut, dass ich schließlich doch hingegangen bin. Und als ich das Stück gesehen habe, war mir sofort klar, das ist was für mich. Es geht um einen frustrierten Literaturlehrer, den ein Schüler dazu bringt, wieder Spaß am Erfinden von Geschichten zu bekommen. Das war noch, bevor ich „Das Schmuckstück” gedreht habe.

MS: Es gibt in ihren Filmen zahlreiche abgeschlossene Räume oder Häuser als Protagonisten, zahlreiche Kammerspiele.

FO: Mein Vater war Wissenschaftler. Er machte immer wieder kleine Experimente mit Mäusen und Fröschen. Ich bevorzuge es, die Figuren zusammen einzuschließen und zu sehen, was passiert.

MS: Im Theaterstück von Mayorga werden die Aufsätze des Schülers vorgelesen. Das haben Sie geändert.

FO: Sie haben das Stück gelesen? Im Original?

MS: In der französischen Fassung. Sie haben die im Stück rezitierten Texte großenteils in Off-Texte zu stummen Szenen verwandelt.

FO: Ja, ich musste das visualisieren, was im Theater über Dialog oder Monolog abgewickelt wird. Im Kino kann eine Seite Dialog durch einen Blick, eine Einstellung, eine Kamerabewegung dargestellt werden. Das ist ein Vorteil. Und es hat mich bei diesem Film besonders gereizt, zu allen Formelementen, die im Theater funktionieren, eine Kinoentsprechung zu finden. Die Amerikaner hätten aus der Vorlage ganz sicher einen Thriller gemacht, der komplett in dem Haus spielt, wo dann auch alle wichtigen Ereignisse stattfinden. Aber mich hat genau das Gegenteil interessiert: Es passiert nur Alltägliches, banale alltägliche Probleme werden gezeigt und das Interesse des Zuschauers gilt weniger dem, was als nächstes geschehen wird, als vielmehr der Frage, wie diese Alltäglichkeiten erzählt werden. Die Erzählweise interessiert mehr als das Erzählte.

Mittwoch, 1. Mai 2013

SYSTEMPREIS

Wanamaker Grand Court Orgel in Philadephia, Pennsylvania, USA.

Mir ist eben der Gedanke gekommen, dass man, will man den Film als „historisches Gefäss” erhalten – und dafür bin ich unbedingt - nicht umhin kommen wird, auch die Produktion von Filmmaterial sowie einzelne Kopierwerke unter Schutz zu stellen. So wie meinetwegen die Orgelmusik nur lebendig gehalten werden kann, so lange es funktionstüchtige Orgeln gibt, so kann eben auch der Film als Kulturtechnik nur überleben, so lange die materiellen Grundlagen dafür weiter bestehen. Wer weiss, vielleicht wird das BFI eines nicht zu fernen Tages DE LUXE subventionieren müssen, die Cinémathèque Française ÉCLAIR, das Österreichische Filmmuseum LISTO und die deutschen Filmmuseen im Verbund das ARRI-Kopierwerk in München? Anders wäre wohl nicht zu gewährleisten, Filme der materiellen Ära auf lange Sicht werkgerecht aufzuführen und zu erhalten. Teurer als eine Oper ist der Systempreis des Kinofilms schwerlich.

Christoph