Dienstag, 31. Dezember 2013

WEHGE ZUM RUM

Wer hat eigentlich dieses schöne Foto aufgenommen und verschickt? Nic? Aus Indien? Vietnam? Thailand? Habe es gerade wiedergefunden und finde nach wie vor: Besser kann man Filmgeschichte nicht erzählen. Happy 2014!


Frans

Montag, 30. Dezember 2013

UNKNOWN PLEASURES #6

Hinweise auf die Aktivitäten der Mitglieder:


Accelerated Under-Development: In the Idiom of Santiago Álvarez (R: Travis Wilkerson)

Am Mittwoch beginnt die sechste Ausgabe von UNKNOWN PLEASURES. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist das diesjährige Programm kompakter und thematisch strenger gegliedert. Den Kern bildet dabei eine Reihe von Arbeiten, die historische Ereignisse in die filmische Gegenwart übersetzen. Dies trifft beispielsweise auf den Eröffnungsfilm THE IMMIGRANT von James Gray zu, auf Matt Wolfs TEENAGE über die Frühgeschichte und Erfindung der Teenager oder auf Travis Wilkersons politische Aufarbeitung verschiedener Momente der amerikanischen Geschichte. Nicht nur im Studiokino, sondern auch im unabhängigen Filmschaffen ist die Auseinandersetzung mit der (eigenen) Geschichte somit von großer Bedeutung und stets präsent. Die Herangehensweisen unterscheiden sich jedoch zum Teil beachtlich und so werden bei UP#6 Filme in den Mittelpunkt gerückt, die Fragen zur Wahrhaftigkeit von Bildern, zum Materialcharkater, zu narrativen Konventionen und vielleicht sogar zu der Zukunft des Kinos stellen.

Das komplette Programm findet sich hier
.

(Eingestellt von Hannes)

Sonntag, 29. Dezember 2013

STEFAN STABENOW:

„...für mich ist an Montage sehr faszinierend, dass es nicht nur um eine serielle Reihung von Bildern geht, sondern ich sehe das eher als eine Art „Schichtung”. Ähnlich wie bei Klängen, die zwar nicht mehr hörbar sind, aber im Innern des Zuhörers noch nachklingen, verhält es sich meines Erachtens mit Bildern im Film. Wenn ein Bild am Anfang einer Szene steht, wirkt dieses Bild nach und geht auch noch Beziehungen zu Bildern ein, die viel später am Ende dieser Szene stehen. Die Bilder wirken unbewusst in der Erinnerung des Zuschauers nach. Eine Art Nachzieh-Effekt. Oder analog zur Musik: Wie bei einem zerlegten Akkord – dem sogenannten Arpeggio. Eine Szene wird also auch zu einer Art stehenden „Bildklang”. Das ist ein Aspekt, der mich fasziniert und mit dem ich mich viel beschäftige: Die synästhetische Wahrnehmung bei Film.”


Der Filmeditor Stefan Stabenow (mit dem ich seit 2004 zusammenarbeite) in einem Interview des Schnittverbands BFS, das man hier nachlesen kann.



(Eingestellt von Christoph)

Freitag, 13. Dezember 2013

5 JAHRE 'CARGO'



Die Film/Medien/Kulturzeitschrift CARGO wird fünf. Gerade ist Heft 20 erschienen, ausgenüchtert gewissermassen – der Relaunch jedenfalls geht sparsamer mit Bildern und Zeichen um. Aus dem Inhalt: 

Serien 2013 // Peter Liechti im Gespräch // Duisburg 2013 // Video on demand // Sozialgeschichte des iranischen Kinos // Murnau: Die privaten Fotografien

Das tollste an Cargo finde ich eigentlich das Orchestrieren so vieler verschiedener Stimmen, die Fülle der Autoren aus den unterschiedlichsten Bereichen und Denkschulen. Auch die Perspektiven der Herausgeber sind nie kongruent, ergänzen sich aber gut: Ekkehard Knörer vermittelt hin zum theoretischen Diskurs, er ist vielleicht der einzige von den dreien, der als Kritiker so etwas wie eine eigene ästhetische Theorie des Kinos entwirft. Bert Rebhandl geht mehr von Erfahrungen aus, interessiert sich für die soziale / ethische Dimension des Kinos und schreibt immer auch als Journalist*. Simon Rothöhler betreibt dagegen so etwas wie ästhetische – und technische – Soziologie, seine Fragestellungen meinen weniger das Kino als „Medienpraxen” jeder Art, ohne Hierarchie. Unter den Rubriken schätze ich sehr das „Moderne Ereignis”, „Die Brüder Goncourt”, manchmal das „Starsystem” (nach dem Relaunch scheinen die letztgenannten vorerst abgeschafft). Kleine Abstriche: Die US-Serie bekommt insgesamt zu viel Raum, finde ich. Auf die Intellektualisierung von Fussball könnte ich gerne verzichten. Manche Beiträge von Gästen ertrinken im akademischen Jargon. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, bei aller Sympathie für die neuere US-Kritik, die einen festen Platz bei Cargo hat: mehr Neugier auf die (kritische) Perspektive der europäischen Nachbarn wäre angebracht. So oder so, Cargo ist auch im fünften Jahr eine erstaunliche Zeitschrift, die den Raum des Kinos anregend erweitert. Und schon weil Filmzeitschriften immer eine bedrohte Spezies sind, wünsche ich ein langes Leben ...

Christoph

P.S.: Bei NEGATIV gibt es einen kleinen Chor von Gratulanten, in dem diese meine Stimme auch auftaucht.


* Siehe auch Bert Rebhandls „Selbstbeschreibung” in Heft 14 (PDF).

Dienstag, 10. Dezember 2013

Donnerstag, 5. Dezember 2013

THY WOMB

Gestern auf Around the World in 14 Films Brillante Mendozas neuen Film vorgestellt. Das Färben und Flechten von Bastmatten, der Fischfang, das Warten im Regen, eine traditionelle islamische Hochzeit auf der Inselgruppe Tawi Tawi: Ich, mittlerweile zum Laptop-Gucker mutiert, merkte wieder, wie sinnlich doch die große Leinwand ist, was sie für Möglichkeiten birgt.



(Eingestellt von Nicolas)

Mittwoch, 4. Dezember 2013

ENDLICH GREIFBAR!


Endlich greifbar: Revolver Heft 29. Enthält Interviews mit Matteo Garrone, David OReilly & Robert Seidel, Calle Overweg, Lisandro Alonso und Raoul Coutard. 



Bestellen? Direkt bei unserem Vertriebspartner www.etk-muenchen.de. Oder über den Fachhandel. (Bestellbar auch als Buch: ISBN 978-3-88661-360-1).

Übrigens: Ein Abonnement (2 Ausgaben / Jahr) kostet 13 Euro - und hilft uns, die Arbeit fortzusetzen.

(Eingestellt von Christoph)

Samstag, 16. November 2013

MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER






Fünf Einstellungen aus Günter Stahnkes MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER (DDR 1964), nach einem Drehbuch von Günter Kunert. Am 2.12.2013 – Revolver Live mit Günter Stahnke – werde ich einen Ausschnitt aus dem Film zeigen.

(Eingestellt von Christoph)

Sonntag, 10. November 2013

HEFT IN SICHT!


Revolver Heft 29 geht diese Woche in Druck. Die Auslieferung beginnt Ende November. Das Heft enthält Interviews mit Matteo Garrone, David OReilly & Robert Seidel, Calle Overweg, Lisandro Alonso und Raoul Coutard. Mehr dazu demnächst.

(Eingestellt von Christoph)

Samstag, 2. November 2013

REVOLVER LIVE! (33) – GÜNTER STAHNKE: ZWISCHEN DEN STÜHLEN

E  I  N  L  A  D  U  N  G


DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT (DDR 1965)


















GÜNTER STAHNKE: ZWISCHEN DEN STÜHLEN
Regisseur Günter Stahnke im Gespräch mit Christoph Hochhäusler.

Am Montag, den 2.12.2013 um 19.30 h im Roten Salon*.

Günter Stahnke gehört zu den Geschlagenen der DEFA. Seine Filme – darunter FETZERS FLUCHT (1962), MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER (1964), DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT (1965) -, werden verboten, verstümmelt, unter Verschluss gehalten, bis ihm schliesslich nur die „Heitere Dramatik” des DDR-Fernsehens bleibt. Aber trotz großer Erfolge und beispielloser Produktivität eckt er auch in der leichten Muse an, einige seiner späteren Arbeiten (FAMILIE BIRNCHEN, FISCHZÜGE) werden nicht oder nur zensiert gezeigt. Ein Gespräch (mit Filmausschnitten) über seine Filmarbeit zwischen den Stühlen, über Widerstehen und Weitermachen.

Um das ideologische Minenfeld der DDR-Medienpraxis anschaulicher zu machen, wird die Schauspielerin Helga Piur (die mit Günter Stahnke verheiratet ist) flankierend aus einigen Briefen und offiziellen Dokumenten zum „Fall Stahnke” lesen.

Ziel ist ein offener Diskurs. Alle Filminteressierten
sind dazu herzlich eingeladen.

*
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Linienstraße 227
10178 Berlin 
Tel +49.30.24 065 - 5
Fax +49.30.24 065 642
info@volksbuehne-berlin.de

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Günter Stahnke
Geb. 1928 in Misdroy (heute Miedzyzdroje), aufgewachsen in Berlin. Autor, Regisseur, Schauspieler. Studium: Schauspiel, Pädagogik. Arbeiten als Schauspieler, Filmkritiker, Theater- Film- und Fernsehregisseur. 

Filme (Auswahl): 
PETER UND DAS EINMALEINS MIT DER SIEBEN (1962), VOM KÖNIG MIDAS (1962), FETZERS FLUCHT (1962), DOPPELT ODER NICHTS (1964), MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER (1964), DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT (1965), MÄRCHENBRUNNEN (1969), TELEGENERELL (1969), EIN ENGEL REIST INS PARADIES (1972), FISCHZÜGE (1973), REIZENDE FERIEN (1973), WIE SAG ICH'S MEINEN KINDERN (1974), DAS SOMMERHAUS (1975), DU BIST DRAN MIT FRÜHSTÜCK (1975), EIN BUMS WIRKT MANCHMAL WUNDER (1975), MÄNNERWIRTSCHAFT (1975), IN FÜNF RUNDEN DURCH LIEBE K.O. (1976), DER GRAUE HUT (1977), ICH BIN NICHT MEINE TANTE (1978), SONNIG, ABER FROSTEINBRÜCHE (1978), NICHT VERZAGEN, TRUDCHEN FRAGEN (1980), NIEMAND LIEBT DICH – WIESO ICH (1980), WIE DAS LEBEN SO SPIELT (1980), DER KUCKUCK BIN ICH (1981), HAUSTHEATER (1981), ABENDS IM KELCH (1983), FAMILIE INTAKT (1984), KARL KÖNIG (1986), LEUTE SIND AUCH MENSCHEN (1986), MARIANNE (1986), EMMA (1987), MAXE BAUMANN AUS BERLIN (1987), DIE GLUCKE (1988), KATHRIN (1988), DER MANN IM SCHRANK (1989), DER SCHLÜSSEL ZUM GLÜCK (1989), AEROLINA (7 Teile, 1990), KLEIN, ABER CHARLOTTE (1990), DER MILLIONÄR (1996).

Freitag, 1. November 2013

LET'S GO MOMA



Vom 20. November bis 6. Dezember findet im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine Reihe zur Berliner Schule statt, kuratiert von Rajendra Roy und Anke Leweke.

17 Filme von 9 Filmemachern werden gezeigt, darunter GESCHWISTER (Arslan, 1997), DIE INNERE SICHERHEIT (Petzold, 2000), MEIN LANGSAMES LEBEN (Schanelec, 2001), BUNGALOW (Köhler, 2004), FALSCHER BEKENNER (Hochhäusler, 2005), 
SEHNSUCHT (Grisebach, 2006), MADONNEN (Speth, 2007), ALLE ANDEREN (Ade, 2009), DER RÄUBER (Heisenberg, 2010). 

Begleitend zur Werkschau erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Thomas Arslan, Valeska Grisebach, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Nina Hoss, Dennis Lim, Katja Nicodemus, Christian Petzold und Rainer Rother (Einige der Texte sind ursprünglich für Revolver entstanden).

Parallel findet im Deutschen Haus (NYU) eine zweitägige Konferenz zum Thema statt, an der Thomas Arslan, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Ulrich Köhler, Christian Petzold, Angela Schanelec und Reinhold Vorschneider teilnehmen werden. Moderation: Marco Abel, Katja Nicodemus, Fatima Naqvi.

In einem Modern Monday (25.11.2013) mit [den Revolver-Gründern] Benjamin Heisenberg und Christoph Hochhäusler soll es dann um die „Theorie der Praxis” bei Revolver,
 filmische Einflüsse und persönliche Ausblicke gehen.



In passender Zufälligkeit erscheinen in den USA zeitgleich drei thematisch relevante Bücher: Marco Abels "The Counter-Cinema of the Berlin School", der von Roger F Cook, Lutz Koepnick, Kristin Kopp und Brad Prager herausgegebene "Berlin School Glossary" sowie eine Monografie zum Kino von Christian Petzold, von Jaimey Fisher. Und schliesslich widmet sich das akademische Journal "German Studies Review" in einem Schwerpunkt dem DREILEBEN-Projekt von Petzold/Graf/Hochhäusler.



(Eingestellt von Christoph)

Donnerstag, 31. Oktober 2013

CLAIRE DENIS ON 'BASTARDS'

Vincent Lindon, Chiara Mastroianni in LES SALAUDS.

Interview by David Barker for FILMMAKER MAGAZINE.


Over 25 years of directing films, Claire Denis has explored the silent rhythms of men and women as they move through spaces of romance and violence, attraction and solitude in stories that range from the love affairs of cannibals (TROUBLE EVERY DAY), to the exercises of the French Foreign legion (BEAU TRAVAIL), to the every day spaces of domesticity (35 SHOTS OF RUM). A filmmaker who prefers monologue to dialogue, and silence to any speech at all, her intimate spaces, impressionistic photography, and oblique scenarios can divide audiences, but provide untold riches for those willing to forgo plot devices and sink into the more subtle stories told by the rhythms of bodies in movement.


Bastards writer/director Claire Denis
Claire Denis


Barker: I’m interested in the structure of BASTARDS, but even more so in the textures of the film: the acting, the image, the music, and how they work together. Let’s start with the actors. Inside of such a complicated plot, you create such subtle physical performances, it’s almost like a dance film. Is there anything you can tell me about your process of working with actors?

Denis: It’s always hard to express in a few words how it is to work with actors or actresses. I think it is different for each person. It is the way I like them, what I like in them. Some are anxious, some are… If I had a scene with Alex Decas and Vincent Lindon, they are both anxious actors, but they don’t express their anxiety the same way. So, even if the scene is together I have to feel a certain way for Alex and a different way for Vincent. To direct actors is the right word, and yet as if there is something missing, as if there is a way of pretending. I trust their work. I follow the way they work. And yet at the same time, trying to grab or to steal exactly what I want. But at the same time, it is something, I’m not sure I can say to an actor, please I’m going to steal that from you. You know, so it’s a sort of process of approaching, reassuring, stealing, maybe. And watching with a sort of love and attraction. Otherwise I think I would be unable to direct.

Barker: What the music does in the film is really interesting. When did the choice to do an electronic score come about?

Denis: That’s a choice I had when I started writing the script. I told Stuart that I really liked the way Michael Mann used Tangerine Dream in Thief. It’s so inhuman. I like it, and it goes with the rain. Stuart completely agreed with me about this, and he enjoyed getting a Moog.

Barker: And was he composing while you were editing?

Denis: He started when he read the script. I think it’s a process of sharing as soon as possible. We’ve made seven films together.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

RICARDO BÄR

Ein Dokumentarfilm, der sich selbst bei seiner Entstehung zuschaut. Sehenswert. Jetzt auf der Viennale.
 

RICARDO BÄR (Argentinien 2013)

 
Anbei die Produktionsnotizen der beiden Filmemacher:

RICARDO BÄR, EIN REISETAGEBUCH 
von Nele Wohlatz und Gerardo Naumann 

Dezember 2008

Wir sitzen in einem Restaurant in Buenos Aires. Nele ist zu Besuch aus Deutschland in Argentinien. Ein Freund erzählt uns von deutschen Kolonien aus dem 19. Jahrhundert in der Provinz Misiones. Er zeichnet eine Landkarte auf die Rückseite der Speisekarte und markiert die Zonen mit den Kolonien. Nele überlegt, nach Argentinien zu ziehen, und im Scherz schlägt sie vor, diese Kolonisten zu suchen und zu gucken, was ihnen nach der Immigration passiert ist.

Mit der Speisekarte reisen wir kreuz und quer durch die Provinz. Wir erkennen „die Deutschen“ in den Städten von weitem am blonden Haar, aber wenn wir sie ansprechen, reagieren sie schüchtern. Wir denken, vielleicht ist es einfacher auf dem Land, wenn wir direkt auf ihre Höfe gehen. So landen wir auf dem Hof des Alten Reiss in Colonia Aurora. Er begegnet uns misstrauisch, aber als Nele ihn auf Deutsch begrüßt, lädt er uns auf die Veranda ein. Über dem Eingang seines Holzhauses steht auf Deutsch: Jesus liebt dich. Er spricht mit schlesischem Dialekt und verwendet eingedeutschte spanische Verben. Statt abhauen sagt er escapieren. Der Hof der Reiss ist wie ein uraltes Mini-Deutschland unter Palmen.

Wir bleiben in Aurora. Der Alte Reiss lädt uns für Heiligabend in seine Kirche ein, aber als wir auf seinen Hof kommen, ist er schon weggefahren. Wir wissen nicht, was tun. Wir haben kein Auto und die Sonne steht schon tief. Wir laufen zur Tankstelle, um etwas zu trinken. Von dort aus beobachten wir, wie eine Menge Pick-up’s vor einer anderen Kirche parken, etwas weiter entfernt. Das sind Baptisten, sagt man uns in der Tankstelle. Gerardo sagt, Obama ist Baptist, mehr wissen wir nicht. Wir setzen uns in die letzte Reihe und sehen das Krippenspiel: Jesus ist eine Puppe und die Tiere Kinder mit billigen Plastikmasken. Andauernd geht der Vorhang auf und zu. Das Spiel ist minimalistisch. Die Jugendlichen stehen auf der Bühne und bewegen den Mund zu einer Stimme, die hinter einem Vorhang versteckt vorliest. Das Spiel ist geprägt von tiefem Ernst. Was auf den ersten Blick wie schlichtes Laientheater wirkt, ist ein empathisches Reenactment, ein Dokumentartheater über den Ursprung ihres Glaubens. Später in der Nacht stellen wir uns vor, einen Dokumentarfilm wie ein Krippenspiel zu inszenieren, und mit der gleichen spielerischen Freiheit ein reales Ereignis darzustellen, wie sie es tun.

Dezember 2010
Zwei Jahre später kommen wir mit einer Kamera und verfolgen die Vorbereitungen fürs Krippenspiel. Wir filmen einen der Jugendlichen, Ricardo, der auf seinem Hof die Krippe baut. Er sagt, dass seine Augen so blau seien, weil er soviel in den blauen Himmel schaut. Er macht eine Ausbildung zum Pastor. Zweimal die Woche nimmt er den Bus zum Baptisten-Institut in der Provinzstadt. Sein Vater ist dagegen, er braucht ihn auf dem Hof. Aber gegen eine Berufung durch Gott komme sein Vater nicht an, sagt Ricardo. Eines Tages begleiten wir ihn ins Institut. Im Bus bitten wir ihn für die Kamera zu spielen: er soll schläfrig tun und die Gardine zuziehen. Er versteht auf Anhieb was wir von ihm wollen, es macht ihm Spaß, genau wie im Krippenspiel. Wir beginnen, kleine Handlungen aus seinem Alltag mit ihm nachzuinszenieren.

Sonntag, 27. Oktober 2013

RWF IM 'DSCHUNGEL'


„Morgens um vier bricht Rainer Werner Fassbinder mit seiner Entourage in die Diskothek Dschungel, das Gestrüpp von Herumstehenden vor der Theke weicht sofort zurück, und die ganze Truppe marschiert wie ein Keil nach hinten zur Tanzfläche durch. Dort kleben sich seine Leute an die Wände und trinken stoisch, während Fassbinder in die Mitte strebt und sich zu winden beginnt. Er trägt eine schwarze Jeans, schwarzes Hemd, darüber eine schwarze Weste. Auf dem Kopf hat er einen breiten schwarzen Hut. Sein Gesicht wird von einem fellartigen schwarzen Vollbart verdeckt, dazu Sonnenbrille. Vielleicht kommt er gerade von einem Dreh, es muss kurz vor seinem Tod im Sommer 1982 sein. Spektakulär ist sein Schlüsselbund, ein gewaltiges, schweres Teil. Es hängt mit daumendicker Kette an seinem Hosenbund und reicht bis fast auf die Erde. Der Unerkennbare – die Bühne gehört nach wenigen Minuten ihm allein – beginnt einen expressionistischen Veitstanz, es reißt ihn herum, zieht ihn hinunter, wieder hoch, es schleudert und dreht ihn. Er wird das Opfer seltsamster Verformungen. Seine Fäuste ballen sich, und der Schlüsselbund schwingt als eine Art Gegengewicht, verhindert, dass es ihn vollends umreißt. Nur sein Gesicht, soweit ich es erkennen kann, bleibt starr. Es scheint unermesslicher Schmerz zu sein, den er in dieser Übung stumm herausschreit. Sichtbarer motorischer Kontrollverlust, vermutlich durch Alkohol und Koks, verleiht diesem Ausdruckstanz weitere Eindringlichkeit. Er ist sehr einsam, keiner kann und will ihm helfen. Er ist ein alter Sack.”

Aus: Schmidt, Thomas E.: Als ich mal dazugehörte.

Erschienen in der aktuellen (Sonder-) Ausgabe des Magazins Merkur. Den Text kann man online hier nachlesen.

(Eingestellt von Christoph)

Freitag, 25. Oktober 2013

DVD-RELEASE: 'POLICEMAN'

Gerne weise ich auf die Veröffentlichung der DVD von Nadav Lapids POLICEMAN (Ha Shoter, Israel 2011, 105 min) hin. Als Bonus gibt es einen Video-Mitschnitt des gemeinsamen REVOLVER LIVE! 

Ab heute kann man den Film hier bestellen.



(Eingestellt von Nicolas)

Montag, 30. September 2013

CINEMA OF OUTSIDERS


Hinweis auf die Aktivitäten der Mitglieder:



Der amerikanische Independent-Film fasziniert mich seit langem. Neben aktuellen Arbeiten haben es mir vor allem Filme aus den achtziger Jahren angetan. Morgen beginnt im Zeughauskino in Berlin eine kleine Retrospektive, in der ich 12 Spielfilme aus den Jahren 1977 bis 1989 zeige. Der Eröffnungsfilm ist Bette Gordons VARIETY aus dem Jahr 1983.



Einige der schönsten Momente des US-amerikanischen Films der achtziger Jahre finden sich an dessen Rändern. Im Schatten von immer komplexeren wirtschaftlichen Strukturen entstand in diesen Jahren ein offenes und in vielerlei Hinsicht wegweisendes Kino. Einerseits den späteren Erfolg und die Kommerzialisierung des Independent-Films vorbereitend, knüpfte das unabhängige Kino der 1980er Jahre andererseits an das New Hollywood-Kino der sechziger und siebziger Jahre sowie an Traditionslinien des Avantgarde- und Experimentalfilms an. Einen seiner zentralen Kristallisationspunkte stellte die Konfrontation mit der in der Ronald Reagan-Ära propagierten Lebensweise dar. CINEMA OF OUTSIDERS setzt 1977 mit der vom Neorealismus beeinflussten L.A. Rebellion, dem Aufkommen eines regionalen Filmschaffens und der Gründung institutioneller Strukturen ein. Ihr Ende ist auf das Jahr 1989 festgelegt. Am 3. Februar 1989 starb John Cassavetes in Los Angeles, keine zwei Wochen zuvor hatte Steven Soderberghs Debütfilm Sex, Lies, and Videotape am Sundance Film Festival seine Weltpremiere gefeiert.



Das gesamte Programm findet sich hier.


(eingestellt von Hannes)

Mittwoch, 25. September 2013

RIO - FOCUS GERMANY

IN EIGENER SACHE: 

Das Film Festival Rio de Janeiro zeigt in der Sektion für Nachwuchsfilme u.a. LIFELONG von Asli Özge, DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN von Ramon Zürcher und meinen HALBSCHATTEN. Ausserdem gibt es eine Retrospektive zur Berliner Schule (sogar mit Logo!), eine deutsche Stummfilm-Reihe und eine kleine Werkschau von Ulrike Ottinger. 56 deutsche Kulturprodukte.

Nos vemos allí! / Wir sehen uns dort!
Nicolas
 (Sede do Festival / Festival-Zentrum Rio de Janeiro)

Freitag, 20. September 2013

ULA STÖCKL: REVOLVER LIVE #32





Geschichten vom Kübelkind (1970)

Warum Kübelkind?
Ein Statement von Ula Stöckl und Edgar Reitz

- Weil wir 1969 keine Lust hatten, einen 90 Minuten-Spielfilm zu machen, der wieder ohne Verleih bleibt.
- Weil uns mehr Geschichten einfielen, als für einen Spielfilm gut- gewesen wäre.
- Weil wir uns beim Drehen nicht festlegen wollten, ob der Film 2 oder 20 Minuten lang wird. Deswegen haben wir dann viele 2 - 20 Minuten lange Filme gedreht.
- Weil, wenn man nicht an einen deutschen Verleih denken muß, die Welt wieder schöner wird.
- Weil wir wahre Geschichten lieben, aber auch unwahre.
- Weil das Kübelkind manchmal am Ende einer Geschichte tot sein darf, ohne für die nächste Geschichte gestorben zu sein.
- Weil wir gerne mit Kostümen spielen, aber auch ohne.
- Weil wir gerne eine Erziehungsgeschichte drehen wollten.
- Weil wir alle unsere Freunde in schönen Rollen sehen wollten.
- Weil wir eine solche Wut hatten.
- Weil das Kübelkind gerne fickt.
- Weil wir Scheiße finden, daß sie das büßen muß, und weil wir auch auf die F S K scheißen.
- Weil eines Tages die Kassetten kommen,und weil wir wissen wol- len, ob das auch wieder so wird wie mit den Verleihern.
- Weil wir vom Bundes-Innen-Ministerium gerade Geld bekommen hatten und es auf keinen Fall zurückgeben wollten.
- Weil wir auch Kübelkinder sind...
- ... und schließlich haben wir dann in München ein Kneipenkino aufgemacht, und da läuft Kübelkind alle Tage außer montags ab 23 Uhr, Eintritt D M 3,50, und Kübelkinder stehen auf der Speisekarte.



Nicht besonders wertvoll
Filme im Münchner Rationaltheater - von Frieda Grafe

Kübelkind soll ein Wiener Schimpfwort, ein Kraftwort sein, um zu bedeuten, daß jemand der letzte Dreck ist, zum Wegschmeißen, am Anfang dieses Wortes steht die Vorstellung von der Nachgeburt, die in die Abfalltonne geworfen wird. Die Figur, die so heißt in den Filmen von Ula Stöckl/Edgar Reitz, taucht folgerichtig aus einer schwarz-roten, diamanten schimmernden Masse in einem Müllkübel auf. Gleich als fertiges Mädchen, um die Zwanzig. Jemand von der Wohlfahrt entdeckt sie da. Ein Kübel ist kein menschenwürdiger Wohnort, deshalb wird sie in die Gesellschaft eingeführt. Das sind viele, häufig wechselnde Pflegestellen, die alle auf diese und jene Weise zu ihrer Entwicklung beitragen. Aber wie man schon aus dieser vater- und mutterlosen Geburt schließen kann: Therese ist ein kleines Monster. Undisziplinierbar, zigeunerhaft, eine Gefahr für alles Normale. Nachwuchs im eigentlichen Sinn ist sie nicht, nur Ausschuß. Und auch Alraune.
Die Freiwillige Selbstkontrolle, der Schutzverband der Kinobranche, hat das gleich erkannt. So viele polierte Schweinereien sie auch sonst durchläßt, meistens unter dem berühmten Kunstvorbehält: Hier konnte sie keine Kunst mehr sehen. Darin hatte sie auch recht.
"... randvoll mit unsittlichen Redensarten, Verunglimpfung reliöser Werte, Darstellung des Sexuellen in abstoßender Form ... Ergebnis: freigegeben ab 18 Jahren mit Schnittauflagen, aber nicht an den gesetzlich festgelegten stillen Feiertagen." Wer wissen möchte, aus welchen Vorurteilen das allgemeine moralische Empfinden derer sich zusammensetzt, die die Kinos mit Pornoschinken verstopfen, der sollte sich die GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND anschauen. Auch noch aus anderen Gründen.
Man kann sie abends ab 23 Uhr im Rationaltheater in der Hohenzollernstraße sehen. Für 3.50 Mark kann man aussuchen aus den inzwischen fertiggestellten zweiundzwanzig Geschichten. Wenn man Glück hat, das heißt, wenn genug andere Gäste von denselben Titeln sich anlocken lassen, bekommt man sie zu sehen. Außer Kübelkindgeschichten gibt es noch Filme (4-30 Minuten Länge) aus der Kinofrühzeit, von Griffith, Ince, Melies mit Gloria Swanson, Mary Pickford, Mack Sennetts Bathing Beauties, Harry Langdon und Tarzan.
Und zwischendurch geht immer wieder das Licht an. Die Gäste gruppieren sich ständig neu, wie in einem Kaleidoskop, mal zur Leinwand, mal ums Bier. Das ist sicher noch nicht das, wovon die Anvantgardisten unter den Kinomachern und -bauern träumen, die wegkommen wollen vom Guckkastenkino. Aber es ist eine kleine Veränderung. Man erfährt an sich selbst, was für ein reaktionärer Kunstkinogänger man ist, weil man lieber schön kontinuierlich im Dunklen sitzen mag, sich faszinieren lassen will und die, die immer schon alles wissen und ständig reden, am liebsten erwürgen möchte. Der Faszination und in Schweigen zu verfallen - soweit kommt es bei dieser Art Filmen und Vorführung nie. Es wird ununterbrochen geredet. Außerdem, daß man weiß, wohin der Hase läuft, ist eine der Grundgegebenheiten dieser kurzen Filme.
Bei den alten, weil unser Kino sich aus ihnen entwickelte; es sind seine Ursituationen, Urszenen. Bei den Kübelkindgeschichten, weil sie ganz eindeutig allem Autorenkino entgegengesetzt konzipiert sind, keine originelle, eigene Erfindung. Sie sind so vater- und mutterlos wie Therese. In allem sekundär. Wiederholung, Nachahmung; Parodie wäre schon zuviel gesagt, Rückgriff auf populäre Vorstellungen mit Hexen, Vampiren, entsprungenen Nonnen, auf bekannte Genres: Operetteneinlagen und Verfolgungsjagden wie mit den Keystone Cops. Besonders hübsch sind einige Verkleidungsnummern, inszenierte Stücke aus Dumas' 'Drei Musketiere', deren unglaublich verfilzte Erzähllogik gerade dadurch, daß sie so abgebrochen aufgeführt wird, schlaglichtartig an heruntergekommener Romantechnik darstellt, was wir unter glaubwürdiger Erzählkunst zu verstehen gewohnt sind. Die Kübelkindgeschichten sind nämlich auch gemacht gegen das Erzählkino - und da liegen ihre Verbindungen zu den Stummfilmen -, das mit dem Tonfilm sich breitmachen konnte; sie sind Antikulturfilm - wegen ihrer Stückhaftigkeit und Unabgeschlossenheit, weil in ihnen unaufhebbare Widersprüche nicht durch Erzählkontinuität harmonisiert werden, wegen der (vor allem sexuellen) Aufsässigkeit ihrer vagabundierenden Hauptfigur,wegen der eigenartigen Verlängerung irrealer Strukturen. Sie unter den beschriebenen Umständen herzuzeigen, ist ein Symptom der gegenwärtigen Kinosituation.

Süddeutsche Zeitung, 14.4.1971



Welchen Reitz liebt man am Ende am meisten? Welcher bringt einen hier und jetzt weiter? Der Epiker? Der Handwerker? Der Träumer? Vielleicht der von seiner Zeit und Welt bewegte Mann, der mit Ulla Stöckl GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND (1970) machte, eines der großartigsten Werke des bundesdeutschen Films. Das Kübelkind ist nicht brav. Es ist so asozial wie alle Kinder, denen die Eltern nicht das letzte bisschen Selbst wegerzogen haben, oder vielleicht noch ein bisschen mehr. Die Geschichten sind manchmal eklig und manchmal erschreckend und manchmal komisch und manchmal drollig. Geschichten vom Kübelkind ist durch und durch Kino in 23 Geschichten. Man könnt sein ganzes Leben mit den 204 Minuten der Geschichten vom Kübelkind verbringen.