Donnerstag, 18. Oktober 2012

AUFRUF

Einige der wichtigsten deutschen FilmkritikerInnen haben einen offenen Brief an die Deutsche Filmakademie veröffentlicht, in dem sie eine Korrektur der Vergabepolitik zugunsten „nicht mehrheitsfähiger Ausnahmefilme” fordern, um so „der Vielfalt des deutschen Films” besser gerecht zu werden. Kaum vorstellbar sei, „dass ein Film wie Werner Schroeters MALINA (Filmband in Gold 1991) oder Romuald Karmakars DER TOTMACHER (Filmband in Gold 1996) noch einmal einen Preis gewinnen” könne. „Ein international ausgezeichneter Film wie Ulrich Köhlers SCHLAFKRANKHEIT (Silberner Bär der Berlinale 2011 für die beste Regie) schaffte es nicht einmal unter die sechs nominierten Filme.” schreiben die 20 Unterzeichner, darunter Bert Rebhandl, Cristina Nord, Katja Nicodemus, Fritz Göttler, Peter Körte, Sabine Horst, Dietmar Dath, Anke Westphal und andere. Ich kann mich dem nur anschliessen. Hier kann man den Brief lesen. 

P.S.: Ulrich Köhler und ich haben vor 9 Jahren, als die neu gegründete Filmakademie im Begriff war, den deutschen Filmpreis zu privatisieren, mit ähnlichen Argumenten für eine Jury-Lösung gekämpft. Unseren Brief unterschrieben damals über 400 Kolleginnen und Kollegen – letztlich konnten wir uns aber gegen das beabsichtigte Mainstreaming (Eichinger: „Es kann doch nicht sein, dass Filme ausgezeichnet werden, die niemand kennt.”) nicht durchsetzen. 

P.S.2: Einige Reaktionen zu dem Brief: die offizielle Zurückweisung der Filmakademie sowie die ähnliche Position der Produzentenallianz, ein Kommentar von Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel) über Brief und Kritik-Diskussion, ein Kommentar von Rüdiger Suchsland (Artechock), eine Analyse von Frédéric Jaeger (critic.de) sowie die Position des Verbandes der Filmkritik. Bei dieser Gelegenheit noch einmal der Hinweis, dass Revolver Heft 14 mit dem Schwerpunkt Kritik (und interessanten Schnittmengen mit der jetzigen Diskussion) weiterhin kostenlos heruntergeladen werden kann. Und hier noch mein (älterer) Text zu Filmkritik und Netzkultur in DIE ZEIT.

(Eingestellt von Christoph)

Kommentare:

  1. Ich kann mich dem übrigens nicht so recht anschließen. (Hat mich aber auch keiner gefragt.) Nicht der Sache wegen, natürlich, aber ich finde den Ton geradezu devot. Wenn der Geist so zaghaft an die Tore der Macht klopft, wird er doch erst recht verlacht. Ich würde ja einfach sagen, die intellektuelle und ästhetische Spießigkeit der Filmpreisentscheidungen und/oder -Begründungen stinkt genauso zum Himmel wie die Selbstbedienermentalität der Beteiligten. Was das bringt, wenn die Kritik da freundlich andackelt und fragend anmerkt, ob vielleicht nicht hier und da...

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  2. Du hast natürlich recht: fürchten muss sich niemand, wenn er liest, dass man „appellieren möchte” die „grundsätzliche Aufstellung, zumindest aber Auswahl- und Abstimmungsverfahren noch einmal gründlich zu überprüfen.” Der Ton des Briefes entspricht dem kritisierten „unübersehbaren kleinsten Nenner” in der Preisvergabe. So wird daraus ein Meta-Brief... Für die Antwort braucht man wenig Fantasie: „Nach gründlicher Überprüfung...” „stolz auf das Geleistete” ... „ein dynamischer Prozess” ... „Spiegel eines regen Austausches und zum Teil heftig geführter Debatten (Wild Card)” ... „weiter um Verbesserung bemüht” ... „bla bla bla”. C

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  3. Hier ist sie schon, die Antwort der Akademie: „Die Deutsche Filmakademie hat den heute in der „Zeit“ und der "taz" veröffentlichten und in vielen wichtigen Zeitungen ausführlich zitierten „Offenen Brief an die Deutsche Filmakademie" auch mit der Post bekommen und selbstverständlich zur Kenntnis genommen. Wir können darin zwei wesentliche Absichten erkennen: Zum Einen den deutlichen Wunsch nach mehr Dialog der Filmakademie mit der Öffentlichkeit, namentlich der veröffentlichten Meinung. Dem sind wir mit einer Einladung zum persönlichen Gespräch mit den Unterzeichnern gerne nachgekommen. Zum Anderen die Aufforderung, die Modalitäten und Bedingungen für die Wahl zum Deutschen Filmpreis, mit der der Kulturstaatsminister die Filmakademie beauftragt hat, neu und gründlich zu überdenken. Die Diskussion über den richtigen Weg zum Deutschen Filmpreis ist ein Dauerbrenner in der Deutschen Filmakademie und wird seit Jahren geführt. Die Kompetenz der Filmakademie und ihrer Mitglieder steht nicht zur Diskussion.”

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  4. Ich muss hier zwei Schläge zurückrudern. Offene Briefe müssen keine eleganten Schriftstücke sein. Die Stossrichtung ist richtig und klar, die Form der Versuch, ins Gespräch zu kommen. Daran ist nichts falsch, im Gegenteil, die Initiative freut mich. Die große Frage ist, wie es weitergeht. Preis und Geld zu trennen wäre vermutlich das Vernünftigste. Dann könnte die Gala-Fraktion weiter feiern, aber dieses wichtige Referenz-Förderinstrument wäre der Populär-Dynamik entzogen und könnte wieder durch eine Jury bestimmt werden. Der nicht unerhebliche finanzielle Anreiz darf nicht dem Erfolg, sondern muss der künstlerischen Leistung gelten. C

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  5. Ja, denke ich mir, dass wir da doch recht weit auseinander sind. Ich wüsste nicht, warum ich als Kritiker mit der Filmakademie ins Gespräch kommen sollte. Du als Filmemacher hast da völlig berechtigterweise andere Interessen. (Nämlich das Interesse, überhaupt Filme machen zu können unter den herrschenden Bedingungen.) Alles, was ich über die Veranstaltung am Freitag lese (war leider - oder zum Glück - nicht in der Stadt) bestätigt mich in dieser Überzeugung, muss ich sagen. Und warum es, wenn schon, nützen soll, mit windelweichen Positionen in so ein Gespräch zu gehen - als Kritik, der es um alles, nur nicht um Kompromisse gehen kann und darf -, das verstehe ich erst recht nicht. Wie ein Text formuliert ist, lässt übrigens sehr wohl darauf schließen, wes Geistes Kind seine Verfasser sind. Ob ein offener Brief "elegant" sein muss, weiß ich nicht. Aber wer mit zwischen die Beine geklemmtem Schwanz auftritt, gibt die falschen Signale. Wir beide sind sowieso im Gespräch, aber diese ganze Akademie ist aus meiner Sicht eine hoffnungslose Angelegenheit. Sie ist für die Kritik im übrigen schlicht irrelevant.

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  6. Die Akademie ist ein Wahlverein, der auf eine Preisverleihung hinarbeitet, die fernsehtauglich ist. Ob Bambi oder Lola, wen kümmert's. Aber verteilt werden Mittel des Bundestages, die der „künstlerischen Spitzenleistung” gewidmet sind. Ein Zielkonflikt. Der Rede wert ist das nur insofern, als dass es die einzige künstlerische Referenzförderung ist, die wir haben, ein sinnvolles Instrument also (Gewinner und Nominierte bekommen Geld für das nächste Projekt, sozusagen als Vertrauensvorschuss nach einer überzeugenden künstlerischen Leistung). Bleibt die Frage, ob man die Lage verbessern kann, indem man sich an die Akademie selbst wendet, mit der Bitte um Prüfung...

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