Mittwoch, 25. Juli 2012

ICH HABE IN MEINER WERKSTATT NICHTS

Susanne Lothar ist tot. Wie traurig. Was für ein Verlust. Sie gehörte zu den wenigen Schauspielerinnen hierzulande, die jeder Rolle mit Haut und Haar und zugleich durch Witz und Herzlichkeit verbunden waren. Mit ihren Filmrollen kann man Filmgeschichte erzählen. Von Tankred Dorsts EISENHANS (1981), ihrer ersten Filmarbeit, über Helke Misselwitz' ENGELCHEN (1996) bis zu der mehrmaligen Zusammenarbeit mit Michael Haneke, zuletzt in DAS WEISSE BAND (2009). Und natürlich das Theater. 




Aus einem Gespräch mit Susanne Lothar und Ulrich Nöthen zum Thema „Gefühle spielen”, das wir in Heft 19 veröffentlicht haben: 


Revolver:
Welche Methodik haben Sie für sich entwickelt, wenn Sie Gefühle spielen?


Lothar:
Mein Spiel soll vor allem wahrhaftig sein. Und wenn ich vorher schon zu viel weiß, dann stehe ich meiner eigenen Fantasie im Weg. Also weniger ist oft mehr. Als junge Schauspielerin dachte ich immer: Man muss dich nachts wecken können, und du musst den Text rückwärts können und hab mich dermaßen vorbereitet, dass ich eigentlich überhaupt nichts mehr machen konnte. 


(...)


Revolver:
Wie viel von dem, was man spielt, ist auf Vorrat, und wie viel ist tatsächlich ein unkontrolliert dynamisches Produkt einer Situation? Hat man nicht einiges schon in der Werkstatt zuhause hergestellt?  


Lothar:
Ich habe in meiner Werkstatt nichts. Es kostet aber sehr viel Mut ohne Instrument zum Konzert zu gehen, weil es ja auch vollkommen in die Hose gehen kann. Das ist auch nicht ein unkontrolliert dynamischer Prozess, sondern es ist genau dieses Gefühl zwischen Konzentration und Entspannung und Humor und Durchlässigkeit, das es braucht, damit es passiert. Das ist so, als wenn man genießen möchte und warten muss, bis es kommt. Also ein physisch und emotional komplizierter Prozess, und um diesen anzustreben oder in den Genuss zu kommen, dass man plötzlich diese Figur in diesem Moment quasi erfindet, da empfinde ich eine zu starke Vorbereitung als fehl am Platz.


(...)


Revolver:
Die Frage bei der Eigen- und Fremdwahrnehmung ist, an welche Kriterien man sich halten kann und auch an welche Kritik? Wie kann man das richtige Spiel im falschen Stück oder falschen Leben spielen?


Lothar:
Ich suche keine Resonanz, das macht mich eher dicht. Ich bin auch nicht abhängig von der Meinung von Leuten, also möglichst wenig. Ich will auch nicht alles analysieren, sondern frei sein und spielen. Das ist das Schönste! Und ich mag auch nicht Regisseure, die immer hinterher sagen: „Die Stelle ist so schön!“, dann kannst du sie nicht mehr spielen. Denn dann ist sie bereits bewertet, und ich habe da Unbeschwertheit verloren.


(...)


Lothar:
Bevor ich Kinder hatte, habe ich mich halb totschlagen und ertränken lassen, da gab es für mich keine Grenze. Inzwischen mache ich das nicht mehr aus Verantwortung meinen Kindern gegenüber, weil ich mich einfach dabei verletzen könnte. Diese gewisse Radikalität hat natürlich auch etwas mit mir zu tun oder auch mit meiner Rollenwahl, oder wie ich es spiele. Handwerk ist, glaube ich, ganz wichtig, noch schlimmer ist, wenn man es sieht. Das ist schwer, ein großes Handwerk zu haben … Das ist wie ein Clown, der ein perfekter Artist ist und dem man es nicht ansieht, wenn er mit einer roten Nase durch die Manege läuft.


(...)


Lothar:
Ich wollte Schauspielerin werden, weil ich wollte, dass hinterher alle in die Hände klatschen! Das ist die Wahrheit! Weil es Spaß macht, wenn einen alle bewundern! Weil es schön ist, wenn Leute sich die Tränen wegwischen und sagen: „Ich gehe morgen wieder in Ihre Vorstellung!“


(Eingestellt von Christoph)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen