Dienstag, 28. Juni 2011

DIGITAL DOGVILLE



Ubi-Soft, eine der größten Computerspielefirmen der Welt, hat Anfang des Jahres ein Filmstudio gegründet. Dort werden Kosten gespart, indem im Zuge des Spiels gleich ein Film mitproduziert wird (und potentiell zahllose andere Derivate). Das Ganze nennt man: „Convergence”. Die Schauspieler in Film und Spiel sind identisch, alles wird vor einem gigantischen Green-Screen gedreht. Die Grundrisse der Räume werden, wie in Von Trier’s DOGVILLE, auf den Boden gemalt bzw. gebeamt.

DOGVILLE - die kleine Stadt im Überblick...
...und aus der Perspektive der Bewohner.
ASSASSIN'S CREED - das projizierte Set...
...und das „fotorealistische” Endergebnis.

Ironie des Schicksal, dass all die Abstraktionsmaßnahmen, die in dieser Produktionsweise ergriffen werden, einzig der digitalen Total-Auspinselung dienen. Ich werde einmal versuchen, DOGVILLE und MANDERLAY, als unfertige Effekt-Filme, nein Dogma Effekt-Filme, neu zu entdecken. Eines ist sicher, Herr Von Trier hat makabere Hellseherei betrieben.

RENCONTRES INTERNATIONALES 28.06.-3.07.2011


Starten heute im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit einem ambitionierten Film-/ und Videoprogramm: die „Rencontres Internationales”. Programm hier.


via


(Eingestellt von Christoph)

Sonntag, 26. Juni 2011

SCREAM QUEEN


Gerhard Schröder liess damals nur ausrichten, er habe geweint (in Sönke Wortmanns DAS WUNDER VON BERN), Angela Merkel gibt die Scream Queen live. Das Bild, das in den nächsten Tagen ganz bestimmt zur Illustration politischer Themen dienen wird (entstanden ist es auf dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM der Frauen), erinnert entfernt an Hillary Clintons „Spannungsgesicht” im Warroom. 




Was sagen uns diese öffentlichen Emotionen? Ist das Modell des kontrollierten Körpers in der Politik passé? Im Falle Clintons gab es heftige Kritik in den USA, Merkel wird das „Fiebern” vermutlich Stimmen bringen.


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Eine Bitte an die Leser: wenn Sie eine politische Zweckentfremdung des Merkel-Bildes entdecken, lassen Sie es uns wissen.


(Eingestellt von Christoph)

Freitag, 24. Juni 2011

ENDLICH GREIFBAR: HEFT 24



Nummer 24 ist im Handel. Das Efeu-umrankte Heft, wie immer gestaltet von Timo Thurner und Gerwin Schmidt (STVK), zeigt Richard Burton als Marcus Antonius in CLEOPATRA. Zum Inhalt:


Den Auftakt macht ein Gespräch mit Mia Hansen-Løve, das Benjamin Heisenberg und ich in Paris geführt haben (im Rahmen einer Revolver-Live-Veranstaltung). Ihr neuester Film, UN AMOUR DE JEUNESSE, der u.a. Gegenstand unserer Diskussion war, wird im August in Locarno uraufgeführt werden. 
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Laurens Straub schreibt über „die heroischen Jahre des Filmverlags der Autoren” (das heißt: er schrieb den Text 1988) - die unsentimentale Bilanz eines scharfsichtigen Zeugen und Akteurs des „Neuen Deutschen Films”, der 2007 leider verstorben ist.
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Hannes Brühwiler hat sich mit dem kanadischen Filmemacher Denis Côté unterhalten, dessen Filme in Deutschland nur wenig bekannt sind. Hier die Trailer zu ELLE VEUT LE CHAOSCARCASSESCURLING.
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Wir dokumentieren eine LaDoc-Veranstaltung mit Agnès Varda (die man sich hier anhören kann); Ausgangspunkt ist ihr Meisterwerk SANS TOI NI LOI (F 1985).
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Im Rahmen unserer Rubrik „Vertikale”, die nach größeren Arbeitszusammenhängen fragt, berichtet Eoin Moore im Gespräch mit Franz Müller von seinen Erfahrungen mit dem deutschen Fernsehkrimi. 
NETZ BONUS: der zweite Teil des Interviews mit Eoin Moore, Thema: Schauspielarbeit, findet sich hier.
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Die kleine Geschichte „Der Imitator” von Meir Shalev schließlich erhellt die Beziehung zwischen Schein und Sein.




VORWORT:
Eine Filmgeschichte der großen Männer und einsamen Meisterwerke – noch immer erschreckend populär – unterschlägt nicht nur die großen Frauen und die weniger einfach zu klassifizierenden Filme, sondern negiert, was Filmkultur eigentlich ausmacht: das Durch- und Miteinander von Ideen und Erfahrungen und die Gleichzeitigkeit verschiedener Möglichkeiten, Gegenwart zu bestimmen. Die Gespräche und Texte in diesem Heft sind in diesem Sinne Plädoyer gegen einen auteuristischen Stolz, der das Kino aushöhlt und zur Erstarrung bringt – für einen lebendigen Zusammenhang und Austausch, über den einzelnen Film hinaus.
Man kann Revolver abonnieren (2 Hefte im Jahr für 11 Euro), Einzelhefte online oder auch bei jedem Buchhändler bestellen (die ISBN-Nr. lautet 978-3-88661-341-0). Gut sortierte Buchhändler haben Revolver natürlich auch vorrätig (Überblick über direkte Verkaufsorte haben wir leider nicht).


(Eingestellt von Christoph)

Donnerstag, 23. Juni 2011

ROTIERENDE VERSCHWÖRUNG

David Mamet ist ein Meister der Falltür-Dramaturgie. Wie in seinem faszinierenden Debüt HOUSE OF GAMES (USA, 1987) geht es eigentlich in allen seinen Filmen um die Täuschung als eine leere Operation, die von der nächsten Täuschung umgedreht, aber nicht entkräftet wird. Man kommt nie näher an die Wahrheit, alles was sich ändert ist die Interpretation der lückenhaften Wahrnehmung. Das Tolle ist, dass man als Zuschauer von Kurzschluss zu Kurzschluss ins Rotieren gerät und schliesslich alles für möglich hält. Dass Mamet auch in seinen politischen Ansichten Pirouetten dreht (Ekkehard Knörer schreibt hier über die Hintergründe), wundert insofern nicht, als dass auch seine Ratgeber in Sachen filmischer Dramaturgie (in Deutschland im Alexanderverlag erschienen) oft lächerlich dogmatische Texte sind; in scharfem Ton formuliert Mamet Regeln, die mal treffend, mal schön absurd, mal blöde sind, sich aber immer auf eine „Logik” berufen, die sein Geheimnis bleibt. Er selbst erklärt das so: „I've always been more comfortable sinking while clutching a good theory than swimming with an ugly fact.” 



Erzählung als rotierende Verschwörung: David Mamets HOUSE OF GAMES.


(Eingestellt von Christoph)

Dienstag, 21. Juni 2011

DREITAUSEND

Einer, der wirklich nicht mein Freund ist, sagt jedes Mal, wenn wir uns sehen: „Wir sind Facebook-Freunde”. Als müsste mich das freuen. Als könnte es den Unsinn entkräften, den er redet. Dabei bin ich doch gar nicht bei Facebook. Natürlich meint er: Revolver. Wer solche Freunde hat... Na, wir haben jetzt 3000. Und freuen uns. Ganz im Ernst: Danke für das Interesse. Sagen Sie uns durchaus ab und zu die Meinung. Das Ganze kann noch viel lebendiger und widersprüchlicher werden. Kino braucht Auseinandersetzung - und wir brauchen das Kino. In diesem Sinne:


(Eingestellt von Christoph)

Montag, 20. Juni 2011

DIESEN FREITAG: 'PAUL' + PARTY IN PARIS

Noch einmal zur Erinnerung: diesen Freitag, den 24.06.2011 zeigen wir im Goethe-Institut Paris Klaus Lemkes PAUL (D 1974). Im Anschluss gibt es eine Revolver-Party, zu der auch die Revolver-Crew anreist. Hier der ausführliche Post.

So weit, so gut: Paul kommt aus dem Knast.
(Eingestellt von Christoph)

Samstag, 18. Juni 2011

SCHLAFWANDLER



„Nichtsdestoweniger hatten sie nach etwa achtzehn Monaten ihr erstes Kind. Es geschah eben. Wie sich dies zugetragen hat, muß nicht mehr erzählt werden. Nach den gelieferten Materialien zum Charakteraufbau kann sich der Leser dies auch allein ausdenken.”


So endet der erste Roman des Buches, das Monica Vitti in Antonionis LA NOTTE liest: die „Schlafwandler”-Trilogie von Hermann Broch.


(Eingestellt von Ulrich Köhler)

Donnerstag, 16. Juni 2011

DEMNÄCHST IM KINO: 'SCHLAFKRANKHEIT'

Dreharbeiten im Dschungel: SCHLAFKRANKHEIT.


Ulrich Köhler ist ein Forscher auf autobiografischem Gelände. Sein neuer Film, auf der Berlinale preisgekrönt, erzählt zwei gegenläufige Geschichten aus Kamerun, einem Land, in dem Köhler einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Wie BUNGALOW (2002) und MONTAG KOMMEN DIE FENSTER (2007) spielt auch SCHLAFKRANKHEIT nur scheinbar in der Gegenwart. Köhlers Thema ist das Vergangene als fremdes Terrain *), seine Filme drehen sich um das Verschwinden von Gründen, Motivationen und Sicherheiten, aber diese Auflösungserscheinungen sind weniger dramatisches Ende als Anfang des „wirklichen” Lebens (und sei es im Körper eines Flusspferds).


SCHLAFKRANKHEIT startet am 24.06.2011 in vielen deutschen Kinos. Orte und Zeiten finden sich auf der FilmwebsiteWir empfehlen dringend, den Film im mehrsprachigen Original zu sehen - und wünschen viel Erfolg!


Bühne des Verschwindens: das „Resort” gegen Ende des Films.


*)
Bei L.P. Hartley heißt es: „The past is a foreign country: they do things differently there.” Ein Motto, das auch zu Köhlers Filmen passen würde.


(Eingestellt von Christoph)

CARGO # 10


Das neue Cargo-Heft ist erschienen. Aus dem Inhalt:


Film - Material: Peter Kubelka im Gespräch / Ken Jacobs / Tacita Dean / Chris Marker / 16mm vs. Blu-ray +++ Zu neuen Filmen von: Ulrich Köhler, Michelangelo Frammartino, Mathieu Amalric +++ Außenseiter der Nouvelle Vague: Paul Vecciali +++ Zu Büchern von: Jim Hoberman, W.J.T. MItchell, Rob Lowe +++ Chinesische Dokumentarfilmbewegung +++ Der «indische« Lang // MILDRED PIERCE von Todd Haynes


Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis findet sich hier, Verkaufsstellen dort, und natürlich kann man Cargo auch abonnieren.


(Eingestellt von Christoph)

Mittwoch, 15. Juni 2011

PETER SCHAMONI (1934-2011)



Der Regisseur und Produzent Peter Schamoni ist tot († 14.06.2011). Er hatte eine lange und vielfältige Karriere, die auf eine produktive Art unreiner war als die vieler seiner Zeitgenossen des „Jungen deutschen Films”. 1962 war er Unterzeichner des Oberhausener Manifests, 1966 gewann er mit seinem Debütfilm SCHONZEIT FÜR FÜCHSE den silbernen Bären, im Jahr darauf produzierte er May Spils legendäre Komödie ZUR SACHE SCHÄTZCHEN sowie drei Filme seines Bruders, Ulrich Schamoni (ALLE JAHRE WIEDER, 1966; QUARTETT IM BETT, 1968; EINS, 1971). Fünf weitere eigene Spielfilme folgten, die Anschluss an das internationale Unterhaltungskino suchten (und trotz einiger Erfolge nicht fanden), darunter DEINE ZÄRTLICHKEITEN, ein Inzest-Drama mit Uli Lommel (1969), POTATO FRITZ (1975), eine Wild-West-Abenteuergeschichte mit Hardy Krüger (und dem Fussballer Paul Breitner in einer Nebenrolle) und FRÜHLINGSSINFONIE (1983), eine musikalische Liebesgeschichte mit Herbert Grönemeyer (als Robert Schuhmann) und Nastassja Kinski (Clara Wieck). Parallel dazu entwickelte sich eine dokumentarische Nebenlinie von Künstlerfilmen (FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, 1972), die in den letzten Jahrzehnten zur Hauptsache und wohl auch Nische Schamonis wurden (MAX ERNST, 1991; NIKI DE SAINT PHALLE, 1994; BOTERO, 2008). 


(Eingestellt von Christoph)

Dienstag, 14. Juni 2011

SCHATTENFILME

Zwei Fundstücke aus der an Grausamkeiten reichen Filmgeschichte, einmal mit und einmal ohne Happy End:
„Chaplin beschloss jedoch, den fertigen Film [Josef von Sternbergs vierten Spielfilm, A WOMAN OF THE SEA] nicht in den Verleih zu geben, da er zu intellektuell für den Massengeschmack sei. In den dreißiger Jahren ließ Chaplin das Negativ vernichten, um die Drehkosten steuerlich absetzen zu können. Die wenigen Menschen, die den Film gesehen haben, behaupteten, es sei eine der schönsten und visuell beeindruckendsten Arbeiten des amerikanischen Kinos.” Quelle: Wikipedia 
„Der Erfolg von GASLIGHT auf Bühne und Leinwand ermutigte MGM, die Remake-Rechte zu kaufen. [David Selznick] setzte eine Klausel durch, wonach alle existierenden Kopien der englischen Filmversion zerstört werden mussten. Zwar wurden insgeheim Kopien gerettet, aber im Gegensatz zu George Cukors Hollywood-Version von 1944 fristete Thorold Dickinsons GASLIGHT für Jahrzehnte eine Schattenexistenz.” Quelle: screenonline.org.uk
(Eingestellt von Christoph)

20 STUNDEN L.A. NOIRE


Eigentlich sollte L.A. NOIRE ein filmisches Detektiv-Spiel werden, das durch „realistische” Gesichtsanimationen begeistert - doch woran man sich nach dem zwanzig-stündigen Durchspielen tatsächlich erinnert, ist das Erfahren des Los Angeles-Simulakrums in der „Gegenwart” von 1947. Das geschieht mit dem Auto, versteht sich, denn auch auf virtuellem Fuß kommt man in der Stadt der Engel nicht weit.
„A city on the verge of greatness. A new type of city, based not on the man but on the automobile... the car - symbol of freedom and vitality. Where every man can own his own home, and have room to breathe and not be overlooked by his neighbors... The city of dreams where Hollywood will shape the thoughts and desires of the entire planet... A city of undercurrents, where not everything is as it seems. A 20th Century City that should become a model for the world. A city that has no boundaries - that stretches as far as the eye can see.”
Der sonore Sprecher der “opening narration” bringt es fast schon etwas zu genau auf den Punkt, und so wäre der Stadt-Nachbau unbeseelt, wären da nicht Anomalien und Leerstellen, welche der Simulation eine Handschrift verleihen. Zum einen wurde schlicht der Ozean aus Los Angeles entfernt, nur die Hügel des „Hollywoodland” (so hieß es auf dem Schild 1947) schillern ab und zu am Horizont. Befreit von natürlicher Begrenzung, kann man minutenlang an den Groß-Baustellen eines unfertigen Suburbia entlangrasen. Tatsächlich deckt man als Detektiv später den Skandal auf, das ein gigantisches Reihenhaus-Projekt für zurückkehrende G.I.’s aus zerbrechlichem Billig-Holz für Hollywood-Kulissen gebaut worden ist.




Das berühmte Babylon-Set aus Griffiths INTOLERANCE findet sich inmitten der Stadt, dort stand es tatsächlich einmal, war aber im Jahre 1947 bereits abgerissen. Frei begehbar, funktioniert diese anachronistische Filmkulisse im Sinne der Erschaffung eines Unwirklichen zweiten Grades. Dadurch, dass man dieses halb zerfallene Kunst-Konstrukt vor Augen hat, das nur drei (filmbare) Seiten hat, gewinnt die dreidimensionale Kulissen-Stadt an Glaubwürdigkeit.




Der Hardware-getriebene Gottkomplex der Entwickler zur stetigen Steigerung des Photo-Realismus' führt zur Erschaffung physikalisch korrekter, jedoch „untoter” Welten. Je realistischer sich das Schattenspiel der geschäftigen Passanten aus L.A. NOIRE im Sonnenuntergang auf Plakatwänden abzeichnet, desto aufdringlicher wird der Gedanke, dass diese kein Zuhause haben, die Eingangstüren sämtlicher Häuser ins Nichts führen.


Im ASSASSIN'S CREED-Franchise werden die Unzulänglichkeiten der Simulation des Florenz der Renaissance gerechtfertigt, indem die Spielwelt selbst zur „Virtual Reality” erklärt wird. Die eigentliche Spielfigur wird im ersten Akt an eine Matrix-Apparatur angeschlossen.




In L.A. NOIRE geht es subtiler zu, durch die Gegenwärtigkeit des Kulissen-Themas, sei es in den Detektiv-Fällen oder durch die Präsenz des INTOLERANCE-Set, wird die Fassadenhaftigkeit der Spielwelt ästhetisiert. In Computer-Spielen ist das Film-Set ein Symbol des Realen, Authentizität bedeutet die Steigerung des Unwirklichen.


Georg Boch

Samstag, 11. Juni 2011

UBU MUSIC


Kurzer Hinweis: das unentbehrliche Webarchiv des Avantgardefilms, Ubu.com, das seit 15 Jahren (!) stetig wächst und das trotz eines finanziell und juristisch höchst prekären Rahmens, archiviert inzwischen auch Musik, genauer gesagt: Materialien zur Geschichte der elektronischen Musik von Arrell bis Zanési (1937-2001). Die - skizzenhafte - Sammlung, die auf einen ungenannten brasilianischen Professor der UNESP (Staatliche Universität São Paulo) zurückgeht, ist ganz auf E-Musik konzentriert, was hoffentlich nur der Anfang ist. Spannend.


Hier ein Cargo-Gespräch (2009) mit dem Ubu-Gründer Kenneth Goldsmith über die wirklich erstaunliche Geschichte der Seite.


(Eingestellt von Christoph)

Freitag, 10. Juni 2011

LOBBYISTEN


Wer ist eigentlich Lobbyist für intelligentes Fernsehen? Obwohl Claudius Seidl, der sich für den ausgeschriebenen ZDF Intendanten Posten bewirbt, im Publikum saß, wurde bei der gestrigen Veranstaltung „Subtil 21. Politik als öffentlich-rechtlicher Programmgestalter?” in der Heinrich-Böll-Stiftung nur kreuzbrav über den Sitzproporz der Rundfunkräte nachgedacht. Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen kulturellen Anspruch und seinen Bildungsauftrag in den byzantinischen senderinternen Machtstrukturen zu verlieren droht, wurde nicht erwähnt. Vielleicht weil es alle wissen. Der Versuch die öffentliche Meinung über die Massenmedien zu beeinflussen, muss im Massenmedium dringend auf die Basis zurückgeführt werden: auf Filme im Fernsehprogramm, die die Bezeichnung Kunst erringen könnten, nicht die von Sondermüll.


Hier ein auch ein Kommentar von Claudius Seidl zur Diskussion in der Heinrich-Böll-Stiftung.

(Saskia Walker)

SOMMERFESTIVALS

Hinweis auf Aktivitäten der Mitglieder:
Christoph Hochhäusler
Nicolas Wackerbarth


Vom 16. - 26.06.2011 findet in Ludwigshafen das „Festival des Deutschen Films” statt. Im Wettbewerb werden dort u.a. Ulrich Köhlers SCHLAFKRANKHEIT (der kurz darauf bundesweit startet), Nanouk Leopolds BROWNIAN MOVEMENT, die DREILEBEN-Trilogie (Christian Petzold: ETWAS BESSERES ALS DEN TODDomink Graf: KOMM MIR NICHT NACH sowie EINE MINUTE DUNKEL von Revolver-Mitherausgeber Christoph Hochhäusler) und Rudolf Thomes DAS ROTE ZIMMER zu sehen sein. Das komplette Programm findet sich hier.


Christoph Hochhäuslers EINE MINUTE DUNKEL (D, 2011).

Nicolas Wackerbarths UNTEN MITTE KINN (D, 2011).


Das Filmfest München (24.06. - 2.07.2011) setzt den Sommer-Festivalreigen fort und lockt mit diversen Cannes- und Venedig-Importen, aber auch einigen viel versprechenden Uraufführungen. So wird zum Beispiel Dominik Grafs neuer Polizeiruf zu sehen sein: CASSANDRAS WARNUNG, Aysun Bademsoy zeigt ihren neuen Dokumentarfilm EHRE, der erste lange Spielfilm von Revolver-Mitherausgeber Nicolas Wackerbarth, UNTEN MITTE KINN, feiert Weltpremiere, sein DFFB-Kommilitone Lawrence Tooley präsentiert sein (bereits in Wien und Rotterdam gezeigtes) Debüt HEADSHOTS, neugierig macht auch Jan Zabeils Afrika-Film DER FLUSS WAR EINST EIN MENSCH. In den internationalen Sektionen (deren Etiketten mir nicht einleuchten) gibt es, zum Beispiel, Markus Schleinzers Cannes-Wettbewerb-Debüt, MICHAEL, Raúl Ruiz' ekstatisch besprochenen Mehrteiler MISTÉRIOS DE LISBOA (266 Minuten, hier der Trailer), Kelly Reichardts Meta-Western MEEK'S CUTOFF. Eine kleine Werkschau ist dem großen Otar Iosseliani gewidmet, der mit dem „Cine Merit Award” ausgezeichnet wird. Der neue Film der Dardennes, LE GAMIN AU VÉLO, eröffnet das Filmfest, Kaurismäkis LE HAVRE ist der Abschlussfilm. 


Mehr zu DREILEBEN / EINE MINUTE DUNKEL: hier.
Mehr zu UNTEN MITTE KINN: hier.

Donnerstag, 9. Juni 2011

HYSTERISCHES DEUTSCHLAND

Veranstaltungshinweis:

„Deutschland hysterisieren. Fassbinder, Alexanderplatz.”

Eine Buchpräsentation von Manfred Hermes / im Gespräch mit David Weber.


Am Mittwoch, den 15. Juni um 20.30 h
in der Buchhandlung PRO QM (Almstadtstraße 48-50, Nähe Volksbühne, Berlin).



RWF bei der Arbeit. Im Hintergrund: Hanna Schygulla in der Rolle der Eva.


Aus dem Programmtext:


„Die TV-Serie „Berlin Alexanderplatz“ nimmt in Fassbinders Werk eine zentrale Stellung ein, sie umkreist eine Menge großer Themen: Problematik der geschlechtlichen Position, Mitwelt der Tiere, Rolle der Medien, Psychiatrie und Sozialstaat, Frage nach Herrschaft, Schicksal und Freiheit. Selbst die Empirie von 1929 wirkt heute nachvollziehbarer als sie es 1980 sein konnten: Krise von Parlamentarismus und Sozialstaat, hohe Arbeitslosigkeit, organisierte Kriminalität als Wirtschaftsfaktor. (...) „Deutschland hysterisieren“ fragt in essayistischer Form, wie und wodurch ein gegebenes Kunstwerk denkt, und wozu.”


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Chronik Revolver: Manfred Hermes, Autor und Journalist, hat 2005 an der Revolver-Diskussion „Perspektive Filmkritik” teilgenommen und für den daraus hervorgegangenen Schwerpunkt Filmkritik (Heft 14) den Text „Tja” beigetragen.


(Eingestellt von Christoph)

Mittwoch, 8. Juni 2011

BLOCKBUSTER REVOLUTION



Startet am 17. Juni in den USA: BEGINNING OF THE GREAT REVIVAL (aka THE FOUNDING OF A PARTY, Regie: Sanping Han, Jianxin Huang, China 2011), ein - dem Trailer nach zu urteilen - haltlos propagandistischer Kostümfilm über die chinesische Revolution, die zum Jubiläum verherrlicht werden soll. Auftraggeber: die kommunistische Einheitspartei Chinas. Erstaunlich, dass die ideologischen Schranken so durchlässig geworden zu sein scheinen, dass ein Film, der sich so schamlos in den Dienst einer Diktatur stellt, als Entertainment willkommen ist. Widerlich.

Das Filmplakat für den chinesischen Markt.


P.S.:
Auf der deutschsprachigen Version von China.org.cn, einem offiziellen Organ der chinesischen Regierung, ist über den Film zu lesen:


„Liu Ye, der Mao Zedong in dem Film spielt, erzählte vor der Presse über den Druck, unter dem er bei seiner Rolle stand, doch dank der Makeup-Künstler, so er, hätte er mehr Selbstvertrauen darin gehabt, wie Mao auszusehen. Die Liste der Stars in dem 140-minütigen Film ist lang: Unter anderem spielen Chow Yun-Fat (als Yuan Shikai), Chen Kun (als Zhou Enlai), Chang Chen (als Chiang Kai-shek), Dong Jie (als Soong Ching-Ling), Andy Lau (als Cai E) und Tang Wei (als Tao Yi). Im Vergleich zu dem Film "The Founding of a Republic", Han's ebenfalls Star besetztes fantastisches Werk von 2009, erklärte der Co-Regisseur, dass der neue Film in Bezug auf Handlung und Szenen "viel besser" sei. "The Founding of a Republic" über die Gründung der Volksrepublik China 1949 eroberte die chinesischen Kinos im Sturm. Er stellte sämtliche chinesischsprachige Filme von 2009 in den Schatten.”


Klingt tatsächlich so wie die deutsche Filmpresse 1933-1945.


(Eingestellt von Christoph)

FINANZIERUNGSMODELL DER ZUKUNFT 2

Die Konkurrenz schläft nicht. Am "Crowdfunding" versuchen sich nun auch etablierte und gut vernetzte Firmen wie Teamworx ("Die Flucht", "Hindenburg", "Dutschke"). Dabei setzt die Produktionsfirma beim Sammeln von Spenden für die Finanzierung des Projekts "Hotel Desire" (kein Witz) auf ein Thema, das eine Häufung von Klicks garantiert: Sex. 
Wie in einer süßen Peepshow kannst du dafür bezahlen, dass sich bekannte Schauspieler wie Clemens Schick und Anna Maria Mühe ausziehen. Das Ganze natürlich in eine Story eingebettet. Die Titelsequenz kommt eher bieder daher und erinnert an herkömmliche Dusch-Gel-Werbungen. Jeder Spender erhält ein passendes Gimmik, wobei sich "passend" nach der Höhe des Geldbetrages richtet.



Offensichtlich treten beim "Crowdfunding" die gleichen populistischen Nebenwirkungen auf wie sie bei Volksabstimmungen oder der Wahl von Publikumspreisen zu beobachten sind. Nichts anderes als der kleinste gemeinsame Nenner wird widergespiegelt, so dass nur schrecklich langweilige und konforme Ergebnisse zutage gebracht werden. In Zukunft würde der Produzent vorauseilenden Gehorsam leisten und direkt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe hin produzieren. 
Ein Szenario, welches bereits Wirklichkeit geworden ist. Jede soziologische Gruppe bekommt exakt das, wonach sie verlangt. Beamte wie Freiberufler. Autonome wie Nazis. Kinomuffel wie Cinephile.

(Eingestellt von Nicolas)

Dienstag, 7. Juni 2011

BRIDESMAIDS


Vorvorfreude: Paul Feigs Film "Bridesmaids" startet am 21.7. im Kino. Paul Feig hat als Autor und Regisseur erheblichen Anteil an einer der schönsten Fernsehserien: "Freaks and Geeks". Jetzt hat er eine erste Komödie fürs Kino gemacht. Wer die Serie kennt, weiß, dass das kein schlechter Film sein kann. Produziert hat wie bei "Freaks and Geeks" Judd Apatow. Die Chancen stehen gut, dass der Film in der Originalfassung im Cinestar am Potsdamer Platz zu sehen sein wird.


(Eingestellt von Franz)

'PAUL' + PARTY IN PARIS

Am Freitag, den 24. Juni 2011 zeigen wir im Rahmen unserer Reihe „Carte Blanche à Revolver” im Goetheinstitut Paris Klaus Lemkes großartigen, ungezähmten Film PAUL (D, 1974). 


Im Anschluss an den Film - den ich vorstellen werde - gibt es eine Party mit dem französischen Regisseur und Musiker Serge Bozon (LA FRANCE) am Plattenteller. Revolver wird voraussichtlich ziemlich komplett vertreten von: Hannes Brühwiler, Benjamin Heisenberg, Franz Müller, Nicolas Wackerbarth, Saskia Walker und meiner Wenigkeit. Eintritt und Getränke sind frei. Weitersagen!




Der Film ist das Maximum an lustvoller, wahnsinniger Unberechenbarkeit - inmitten einer formelhaften Situation (Gangster wird aus dem Knast entlassen und will alte Rechnungen begleichen). Lemke, immer auf der Suche nach dem Sound der Straße, arbeitet mit Laien (umwerfend: Paul Lyss in der Hauptrolle) und gibt ihnen die Freiheit, Impulsen zu folgen, die zugleich situativ konkret und bigger than life sind. „Die Maschinenpistole war echt. Wer bei der Bundeswehr war, hört, dass wir keine Platzpatronen verwendet haben“. (Klaus Lemke)


24.06.2011


19 h, PAUL (Klaus Lemke, 1974). Vorgestellt von Christoph Hochhäusler.


Ab 22 h: Revolver Party mit DJ Serge Bozon.


Goethe-Institut - 17 avenue d'Iéna, 75116 Paris
Originalfassung mit französischer Untertitelung
4€; 3€ für die Inhaber der Carte Goethe
Tel. +33 1 44439230


(Eingestellt von Christoph)

SCREENSHOT



(Eingestellt von Franz)

Montag, 6. Juni 2011

VORFREUDE:



Selten zu sehen (und nicht auf DVD erhältlich): Nicholas Rays „Gegenwarts-Western”, THE LUSTY MEN, diesen Freitag, den 10.06.2011 um 19.15 h im Arsenal (Wiederholung: 13.06.2011, 21 h).


Im Arsenal-Programm heisst es dazu:
Anlässlich der Publikation des Registers, dem zwölften und letzten Band der 'Ausgewählten Schriften in Einzelbänden' von Frieda Grafe im Verlag Brinkmann & Bose, hrsg. von Enno Patalas, möchten wir an die in Denken und Sprache singuläre Filmkritikerin erinnern und auf die Gesamtausgabe ihrer Schriften hinweisen. Flankiert von einer Lesung aus Grafes Texten zeigen wir Jean-Marie Straubs DER BRÄUTIGAM, DIE KOMÖDIANTIN UND DER ZUHÄLTER (BRD 1968) und den Rodeo-Film THE LUSTY MEN (USA 1952) von Nicholas Ray, mit Robert Mitchum, Arthur Kennedy und Susan Hayward. Der Film erzählt vom Leben on the road, dem Wunsch, eine Bleibe zu finden, vom Zwang zum Erfolg und der Angst vor dem Versagen. Frieda Grafe schrieb 1977: „So kaputt sind diese Cowboys. Sie können ihr Image, das die Wörter ihnen aufbürden, nicht mehr tragen.” Und 1983: „THE LUSTY MEN wirkt heute wie der Anfang vom Ende: Traumfabrik und amerikanischer Traum sind ineinander überblendet.”
(Eingestellt von Christoph)

Sonntag, 5. Juni 2011

DIE FILME VON RAY & CHARLES EAMES

Die Eheleute Ray und Charles Eames, zwei der prägendsten Designer des 20. Jahrhunderts, die zusammen Möbel, Häuser, Schriften und vieles mehr entworfen, erprobt und dokumentiert haben, waren immer wieder auch als Filmemacher tätig. Zwischen 1950 und 1982 haben sie über 100 Kurzfilme gemacht, meist direkt bezogen auf ihre Arbeit (THE FIBERGLASS CHAIRS, 1970), gelegentlich auch für die Produkte anderer (SX-70, 1972), oft für Messen und Ausstellungen (POWERS OF TEN, ihr bekanntester und vielleicht auch schönster Kurzfilm, entstand für eine IBM-Ausstellung 1977) oder einfach zu ihrem Vergnügen (BLACKTOP, 1952 - über die Formen, die Wasser und Seife auf dem Asphalt bilden). Weil ich nichts lieber sehe als die Genese einer Handarbeit - sozusagen die Urszene jeder Erzählung - würde ich die Filme ohne Zögern zu meinen wichtigsten Einflüssen zählen.


Hier eine Youtube-Auswahl:


POWERS OF TEN (1977) - „a film dealing with the relative size of things in the universe and the effect of adding another zero”.


THE FIBERGLASS CHAIRS (1970) - „something of how they get the way they are”.


SX-70 (1972) - über die Technik und Idee hinter der SX-70 von Polaroid.


TOCCATA FOR TOY TRAINS (1957) - ein Film über altes Spielzeug und den Sinn der Abstraktion.


DESIGN Q & A (1972) - Charles Eames beantwortet Fragen zum Design, manchmal mit „Ja” oder „Nein”.


(Eingestellt von Christoph)