Montag, 14. März 2016

CRISTINA NORD: CINEPHILES FEUILLETON?



Die Filmkritikerin und -kuratorin Cristina Nord, die von 2002-2015 das taz-Filmfeuilleton verantwortet hat, im Gespräch über ihren Weg zur Filmkritik, die Möglichkeiten eines cinephilen Feuilletons und neue Herausforderungen.



Revolver:
Wie bist du zur Filmkritik gekommen?

Cristina Nord:
Ich bin schon immer wahnsinnig gerne ins Kino gegangen. Schon als Kind. Das hat sich verstetigt, als ich Teenager war. Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Kassel aufgewachsen, und ich hatte dann einen Gilde-Kinopass und bin immer nachmittags nach der Schule – ich bin in Kassel zur Schule gegangen – in die Gilde-Kinos gegangen, etwa ins Capitol. Ich habe relativ früh angefangen, Sachen zu sehen, die nicht regulär im Kino laufen. Ich hatte eine Freundin, deren Mutter Brasilianerin war, und die zeigte uns Filme von Glauber Rocha auf dem Videorekorder. Ich weiß nicht mehr genau, welcher es war, „Antonio das Mortes” vielleicht, aber ich weiß noch, wie beeindruckt ich war. Und ich weiß auch, wie beeindruckt ich war, als ich „Salò” zum ersten Mal sah, in einem Double Feature nachts. Das war eine Entdeckung, was alles möglich ist im Kino. Ich war sehr verstört, der Film hat mich überfordert. Er hat mich auch beim Wiedersehen überfordert. Aber das hat auf jeden Fall die Neugier und den Wissensdurst angestachelt.

Welche Rolle hat damals das Lesen gespielt?

Zwischen 15 und 19 noch keine große, das hat sich später ergeben. Während des Studiums fing ich an, begierig Filmrezensionen zu lesen. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich sehr gerne die Texte von Mariam Niroumand las, der langjährigen taz-Filmredakteurin, die heute Mariam Lau heißt. Ich habe ziemlich schnell angefangen, möglichst viel ranzuziehen, autodidaktisch, ich habe ja Literaturwissenschaften studiert. Und dann kam irgendwann ein Seminar, „Ästhetik der visuellen Anthropologie“ nannte es sich etwas hochtrabend, und das war super. Es ging darum, wie ethnografische Dokumentarfilme gemacht sind und welche technischen Entwicklungen dafür sorgen, dass Filmemacher bestimmte ästhetische Entscheidungen treffen oder überhaupt erst in der Lage sind, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Das war ein Schlüsselmoment. Es war ein Seminar, das in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft stattfand, und mehrere Leute nahmen teil, die heute alle mit Film zu tun haben, zum Beispiel Hannes Klug, der Drehbücher schreibt, Sandra Prechtel, die Dokumentarfilme macht, und David Bernet, der auch Dokumentarfilme macht. Ich sollte noch erwähnen, dass ich schon früh immer wieder im Ausland lebte und Kino einfach eine super Sache ist, wenn man allein in der Stadt ist und niemanden kennt. 

Ja, es ist schon für Einsame gemacht… und hast du dann für dich schon geschrieben, vorher? Über Filme? 

Richtig angefangen, selbst Filmkritiken zu schreiben, habe ich, als ich Volontärin bei der Siegessäule war, dem schwul-lesbischen Stadtmagazin Berlins. Da gab es Bedarf, während meine Versuche, Filmtexte für die taz zu schreiben, zunächst nicht glückten. Ich kann mich erinnern, dass ich Mitte der 90er Jahre einmal etwas über brasilianische Filme im Haus der Kulturen der Welt schreiben durfte, aber damit war das begehrte Sujet auch schon wieder verriegelt. Und bei der Siegessäule ging’s dann los, bevor ich dann doch für die taz Filmkritiken schreiben konnte, mit Brigitte Werneburg als Redakteurin. 

Wenn ich noch einmal zurück auf Frau Niroumand kommen darf. Was war daran gut?

Sie hatte eine erfrischende Perspektive und sie hatte keine Berührungsängste weder gegenüber dem High noch gegenüber dem Low, weder gegenüber dem Kommerziellen, noch gegenüber dem, was als Kunst galt. Und sie hatte – was ich damals ziemlich interessant fand – eine bestimmte Form von einem feministischen Blick, der nicht ideologisch war. Möglicherweise würde sie das eher abstreiten, dass das feministisch war. Aber es war auf jeden Fall sehr interessant. Sie hat sich auch politisch auf den Meinungsseiten geäußert, da war ich oft nicht d’accord, aber ihrem Blick auf Film konnte viel abgewinnen. Sie war nicht die Einzige, die ich wahrnahm. Ich habe internationalere Sachen gelesen, B. Ruby Rich zum Beispiel fand ich super damals, eine wichtige Inspiration gewesen. Du siehst schon, es geht stark um eine feministische Perspektive, die mir ja auch nach wie vor am Herzen liegt, immer unter der Prämisse, dass es nicht dogmatisch und nicht alles unter diesen Ideologiekritik-Vorbehalt gestellt wird. Eine Perspektive, die eine große Freude und eine große Lust am Kino hat. Und nicht so ein „Ah - Männerblick, böse Sache.” Diese Reduzierung hat mich nicht interessiert.

Wie ging das bei der taz dann weiter? Welches Jahr war das?

Freie Autorin seit Mitte der Neunziger Jahre, noch während des Studiums. Dann das Volontariat und eine erste Stelle in Köln als Redakteurin bei der Stadtrevue … da habe ich auch viel über Film geschrieben, für den Filmredakteur Sven von Reden, hatte aber selbst eher mit Lokalpolitik zu tun, das war inhaltlich nicht die allergrößte Herausforderung. Dann kam ich zurück nach Berlin und war im „Schwerpunktpool” der taz, wie das hieß damals, Reportageredakteurin und habe mich täglich um die Reportageseite gekümmert. 

Gekümmert – oder auch selbst viele Reportagen geschrieben?

Ich habe selbst so gut wie nie Reportagen geschrieben, aber ich habe mir Themen ausgedacht und mit Autoren gesprochen und dann die Texte redigiert und die Seiten produziert, das war meine Aufgabe. Das war dann so taz-typisch. Man fängt an für einen Monat, am Ende des Monats wird’s verlängert um noch ’nen Monat, und nach einer gewissen Zeit war mir das dann einfach zu unsicher. Und ich hatte den Eindruck, dass mir das Selberschreiben fehlte und die Beschäftigung mit Kulturthemen. Also habe ich aufgehört, und ein paar Monate später ging Katja Nicodemus, die damalige Filmredakteurin, zur Zeit, und ich habe mich beworben. Das war der Einstieg.

Wann war das?

Freitag, 26. Februar 2016

BERLINALE 2016

Was bleibt?
Short Stay & A Lullaby to the Sorrowful Mystery
Drei Kurzfilme drehte Ted Fendt in den vergangenen Jahren: über eine zerbrochene Brille (Broken Specs / 2012), den Versuch einer Reise (Travel Plans / 2013) und schließlich ein ziemlich verkorkstes Date (Going Out / 2015). Drei Komödien über junge Menschen, ausgedacht mit Freunden und gedreht auf 16mm in New Jersey. Short Stay ist nun sein erster Langfilm. Mike arbeitet in New Jersey. Die Aussicht, Wohnung und Job eines Freundes in Philadelphia über den Sommer zu übernehmen, verheisst Abwechslung. Der Freund kommt jedoch früher als geplant zurück und sorgt für Missmut. Mike versucht sich zu wehren, er prügelt sich und findet schließlich Unterschlupf bei zwei Frauen. Dort harrt Mike der Dinge. Short Stay erzählt keine Liebesgeschichte, zumindest nicht die von Mike. Es ist ein Film über Fußgänger. Mike ist stets bereits loszumarschieren. In einer schönen Szenen laden ihn seine beiden Mitbewohnerinnen ein, ihn zu einem Parkfest zu begleiten. Die Frauen nehmen das Fahrrad, denn der Park ist ein ganzes Stück entfernt. Mike geht zu Fuß. Es gibt jedoch kein Fest, man setzt sich ins Gras, eine der Frauen döst ein, die andere versucht ein Gespräch mit Mike zu führen. Mike läuft später noch viel mehr, am Ende des Films dann die Frage: In Philadelphia bleiben oder zurück nach New Jersey? Das ist alles sehr schön unprätentiös erzählt und ganz nebenbei wird mir in Short Stay bewusst, wie selten Filme über Fussgänger sind. Dieses cinema of walking war schon immer eine Ausnahme in der Filmgeschichte, so scheint es mir. Auf jeden Fall fühlen sich diese Filme gleich ganz anders an, in ihnen schwingt eine Dissonanz mit.


Short Stay

Short Stay dauert 61 Minuten, A Lullaby to the Sorrowful Mystery 485 Minuten. Es gibt vieles in Lav Diaz neuem Film zu bewundern, etwa wie große und kleinere Ideen zueinander finden. Da wäre also ein monumentales Werk über ein Ereignis, das Ende des 19. Jahrhunderts ein Land traumatisierte, eine filmische Darstellung des Seelenzustandes eines Landes. In dieser Erzählung finden sich dann unter anderem chinesische Dragqueens oder drei geisterhafte Figuren, die gerne Hunde imitieren und ihr Unwesen im Dschungel treiben. Am schönsten ist vielleicht die Episode, in der Diaz eine Brücke zwischen seiner Arbeit und der Geburtstunde des Kinos schlägt. Das staunende Publikum sitzt vor einer Leinwand, auf der jedoch Filme zu sehen sind, die in Form und Stil nicht unbedingt an die tatsächlichen Aufnahmen der Lumière Brüder erinnern (hat Diaz hier gar seine Version eines Lumière-Films gedreht?). Erst als der Schatten eines Monsters hinter der Leinwand auftaucht, verlassen die Zuschauer vor Schreck den Saal. 
Immer wieder kehrt der Film aber in den Dschungel zurück. Der Urwald ist bei Diaz nicht einfach ein Hintergrund, ein Drehort, sondern ein lebendes Gebilde, in dem sich zufälligerweise einige verstreute Menschen befinden. Starke Windböen wirbeln die Bilder durcheinander, Nebelschwaden ziehen vorbei und oft muss man sich erst einmal orientieren. Was für ein Bild sehen wir? Können wir Menschen erkennen? Es sind nicht nur Bilder betörender Schönheit, die Irrnisse der historischen Ereignisse finden im Diaz’schen Dschungel ein fantastisches Abbild. Ich vermisse diesen Dschungel.

A Lullaby to the Sorrowful Mystery


Was bleibt sonst noch? Das verpixelte und fast zum Stillstand gebrachte Bild eines Flüchtlingsbootes in Philip Scheffners Havarie, und die plötzliche Erkenntnis, dass dieses Bild von einem Kreuzfahrtschiff gemacht worden ist; die letzte halbe Stunde in Wang Bings Ta’ang: irgendwo zwischen Myanmar und China sucht eine Familie Unterschlupf für die Nacht, auf der Tonspur hören wir permanente Bomben-Explosionen; die alternden Gesichter in Terrence Davis Emily Dickinson Biopic A Quiet Passion; die Wut Spike Lees in Chi-Raq; der Nachbar in Kiyoshi Kurosawas Creepy.

(HB)

Montag, 22. Februar 2016

'REVOLVER' FÜR ALLE


Unsere neue Webseite wächst. Unter der Adresse revolver-film.com finden sich inzwischen viele online lesbare Texte und Materialien aus bald 18 Jahren Revolver. 


Ziel war es, alle Revolver-Aktivitäten endlich unter einem „Dach” zu versammeln, angefangen mit den Heften (nach und nach werden wir alle nicht mehr lieferbaren Hefte einpflegen) – die inzwischen auch parallel als Ebooks erscheinen (#31#33, #34 folgt alsbald) – bis hin zur Revolver-DVD-Edition (eine neue DVD ist in Arbeit) oder unseren Live-Veranstaltungen. Wir werden in naher Zukunft auch Videos, Audiomitschnitte und web-exklusive Texte dort zugänglich machen – und nicht zuletzt wird dieses Blog mit umziehen. Kurz: wir haben viel vor.

Hier eine vorläufige Liste frei lesbarer Texte:

#1
Interview: Vibeke Windeløw
Interview: Lene Borglum
Dogma 95
Interview: Lars von Trier
Joseph Lechner: Heureka!
Gerwin Schmidt: Bilder, Bilderrecycling
Fast forward: Kino muß gefährlich sein
Sebastian Kutzli: Wilde Erdbeeren
Interview: Doris Dörrie

#2
Interview: Werner Herzog
Fast Forward: 2.Liga
Peter Przygodda: Gut abgefeimt
German Kral: Auf den Knien
X Filme: Ein Portrait
Heureka
Eoin Moore: Wilde Erdbeeren


#3

Christoph Hochhäusler: Jäger und Sammler
Interview: Hans-Jürgen Syberberg
Fast Forward, Hito Steyerl: Politik und Kino
Interview: Jean-Claude Carrière
Cine Nomad: „Three Windows“
Heureka!
Benjamin Heisenberg: Form follows
Wortwechsel in der Kneipe
Patrick Buttmann: Komponierte Emotionen

#4

Interview: Jean Douchet
Interview: Wim Wenders
Interview: Slawomir Idziak
Dominik Graf: Wilde Erdbeeren

#5

Vorwort
Interview: Peter Kubelka
Fast Forward: Filme und Fallobst
Interview: Georg Seesslen
Tagebuch: Christian Petzold
Interview: Dominik und Benjamin Reding
Katrin Eissing: Ich bin ganz ruhig
Interview: Angela Schanelec


#6
Interview: Michael Haneke
Portrait: Coop 99
Interview: Michael Ballhaus


#7
Interview: Dominik Graf
Jacques Doillon: Weg-Stücke
Gespräch: Schauspiel
Interview: Patrice Chéreau
Peter Lilienthal: Warum Europa?
Wilde Erdbeeren: Veit Bastian


#8

Interview: Martin Nizara
Interview: Katrin Cartlidge
Dorothea Braemer: Termite TV
Termite TV: Manifest
Interview: Harun Farocki


#9
Interview: Alexander Kluge
Interview: Sören Voigt
Jeffrey Seth Colen: 3 oder 4 Dinge, die passieren können …
Interview: Barbara Albert
Heureka: Rainer Werner Fassbinder
Wilde Erdbeeren: Jens Börner
Interview: Roland Klick
Nicolas Wackerbarth: Revolver Live!


#10
Interview: Abbas Kiarostami
Interview: Christian Petzold
Interview: Oliver Voss
Inês Oliveira: Das Fest der Könige
Interview: Jeff Wall


#11

Interview: Eric Rohmer
Fast Forward: Kino der Herausforderung
Die Methode Seidl
Neue Realistische Schule?

#12

Marcus Seibert: Gegen ein Kino der Angst
Benjamin Heisenberg: Narration – drei Gedankengänge



#13
Interview: Angela Schanelec, Reinhold Vorschneider


#14
Montage / Perspektive Filmkritik
Michael Althen: Beruf: Filmkritiker
Georg Seesslen: Filmkritik
Katja Nicodemus: Auf der anderen Seite
Manfred Hermes: Tja
Enno Patalas: Eingebettete Filmkritik
Bert Rebhandl: Selbstbeschreibung
Rüdiger Suchsland: Kann ein Seismograph utopisch sein?
Cristina Nord: Der Tiger im Baum
Leseempfehlungen Schlüsseltexte

#18
Interview: Tankred Dorst + Ursula Ehler

#21
Interview: Thomas Heise

#23
Interview Jean-Pierre + Luc Dardenne

#27
Interview Marie Vermillard

Donnerstag, 18. Februar 2016

SIXTY SIX- Lewis Klahr/ Woche der Kritik/ 6.Tag/ Inspiration

Lewis Klahr ist ein echter Advertiser, Preacher. Er haelt vor Beginn seines Filmes eine Rede. Gibt Advices: "Listen like you would to Music". Ich finde das experimentalfilmgewohnt, beleidigend. Als er aber eindringlich wie ein Hypnotiseur: "Have a good Trip" suselt und mein Nachbar wohlig seufzt, bin ich überzeugt 

Es ist noetig. Er kommt schliesslich aus Los Angeles. Der Trip beginnt und in ihm reihen sich fantastisch analoge Flower, Planets, nice old paper, ornaments... aus einem anderen Jahrhundert klingelkling aneinander. Osten ist rot, Kalifornien jung.

Die alten Vorrevolutions/Wende Farben leuchten bescheiden und stimmig. Sie kommen auch in Filmen von Ute Aurand in der gerade eben zerfallenden DDR, auf 16mm gedreht so vor. Weil abstrahiert? Macht das 16mm Format die Farben so altmodisch, unchemisch? 

 

http://www.uteaurand.de/filme/neubrandenburg.php

Nein oder ja: es ist die Zeit,  Geschichte dreht sich im Kreis und kommt wie jeder Planet hier immer mal wieder vorbei. Peoneer bei Venus und Saturn. Vielleicht auch die Wirkung der YogaNidra Prophezeiung. Irgendwo im Experimentalfilmuniversum: "All we MEET is love"

Alles gut strukturiert, gebaut. Mensch kann, wie gesagt, auf Kreisen so weiterreisen. 

 

Debatte. Als die Videokünstlerin von "Psychoanalysis" spricht and the "hidden" folgt ein Aufschrei: "So your Archive is in the garage not on your desktop! (Yes and he lived there for ages with nothing but air and love. An artist you know....besonders am Wochenende glücklich, weil er da keine Burger verkauft, sondern sich ausschliesslich der Kunst widmen kann. Wilder Einsprenkler, just in my mind...)

Sorry, somehow I couldn´t stay.

Jedenfalls belegt sich meine These: der aeusserste Westen (Kalifornien) ist sooo Osten vor Allem farblich und was künstlerische/materielle Zensur angeht. Siehe unten "Blue Dress". Kunst ist Liebe etc... 


Katrin Eissing

Mittwoch, 17. Februar 2016

BLUE DRESS- IGOR MINAEV/ Woche der Kritik/ 5.Tag/ zum Schweigen gibt es was zu sagen

Zunächst kommt eine sehr schöne Ansage zum Verschweigen von der Woche der Kritik selbst. Verfasst von einer/m der Macherinnen.

Der ukrainische Regisseur Igor Minaev lässt im Film die alten Kopien seiner in der Sowietunion nie gezeigten Filme unter dem Bett seiner toten Liebe... (hier sind sie wieder die toten Frauen... siehe oben...) wie den Teufel aus dem Kasten, auftauchen: Springlebendig. Die staubigen Blechdosen mit Rollen voller Plastikbänder entpuppen zuerst wild lebendige Tiergestalten, die einen verzweifelten Autor um Hilfe anflehen. Sein Zimmer immer voller wehenden Papiere. Hier: auf der Erzählebene, im Auto, in der Wohnung der toten Mutter/Liebe, in Paris, wie dort: im Land das nicht mehr existiert in dem man aber anscheinend jede Menge Spass hatte, der Sovietunion, dem witzigen Film aus den frühen 80zigern,
hüpft ein unbewusstes, inneres, ... Leben aus der Erinnerung irgendwo anders hin über...ins Bewusstsein? Das könnte eigentlich immer so weitergehen. Eine endlos-Matruschka-Geschichte. 
Das Verschweigen: eine willkürliche Wand zum Ausdruck hin, durch die es dann plötzlich, einfach so, dennoch heftig, hindurch ploppt. Deshalb ist auch die Hauptbeziehung als Erzählrahmen: der Sohn auf den Spuren der Vergangenheit seiner geliebten, geheimnisvollen Mutter, ziemlich bedeutungsvoll. Es geht schlicht um Liebe "an sich". Also Kunst als handelndes Subjekt?: jedenfalls unaussprechlich. Ihr Verschweigen/nicht machen, an dem Menschen, wenn Sie es zu lange aushalten müssen, trotzdem sterben. 
Die Realzeit: der Erzählstrang findet hauptsächlich zwischen Plastikplanen, im Auto, hinter Vorhängen und Paravants statt. Traurig, gedämpft, etwas langweilig. Die irreale Welt in den alten Filmen ist wild und lustig, viel lebendiger. Natürlich, wie gern hätte man schon früher das niedliche Nilpferd flehen gehört, oder diesen ulkigen Krokodilmenschen beim Tanzen zugeguckt, vor Allem aber den abgefahrenen Schauspielern in dem Theaterfilm und der Feier auf dem Dorf beim Spielen. Zumindest hatte in der Sovietunion eine Riesencrew Zeit um ein ganzes Dorf den halben Winter in ihre Geschichten zu verwickeln und andersherum sich in Liebesgeschichten, Tänze, Hochzeit verwickeln zu lassen. Wir können dieses schwindelnde Opus voller Witz und Leben immerhin jetzt noch sehen, wenn es auch ein halbes Jahrhunder fast unter einem Bett in der Schachtel verschwand. Im Kapitalismus verschollene Filmdosen und Talente tauchen ja auch ab und zu auf, aber längst nicht so handwerklich genial. Als wäre "idealistische Zensur” tatsächlich schlimmer als materielle. Oder als gäbe es da überhaupt einen so grossen Unterschied. Inmitten der reichsten Staaten der Welt hungern Kinder und vor Krankenhaustüren sterben Menschen ohne Versicherung im Dreck. In Amerika werden auf der Strasse Leute erschossen weil sie schwarze Klamotten tragen. Gefägnisse und Anstalten sind privatwirtschaftlich organisiert und schon deshalb immer voll. Der Preis der Freiheit. Wir dürfen darüber Filme drehen, wenn sie nicht das System, das solche Zustände produziert, direkt angreifen. 

Kunst als Liebe, Kreation, Widerstand, Hoffnung. 
Schöpfung heisst Liebe. Die Kunst muss frei sein.
(Ich würde auch die alten Filme von Igor Minaev gern mal für sich, also ohne die Erzählebene von "Blue Dress" sehen.)
Noch mehr Ideen für Transparente? Aber...Ich will das gar nicht ironisieren. 
Danke für den tollen Abend. Zum Schweigen gibt es noch viel zu sagen. Fortsetzung folgt!
Die Woche der Kritik sagt:

"Debatte: VERSCHWEIGEN – Wenn die Sprache scheitert, können Bilder die Zunge lösen? Wann verschließen wir die Augen vor der Geschichte? Auf der Suche nach einer “Ästhetik der Befreiung.”
Gäste: Ilona Jurkonyte, Gertrud Koch, Igor Minaev, Karel Och."
Ansage:
Der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow wird beschuldigt, Terroranschläge geplant zu haben und ist zu 20 Jahren LagerHaft in Sibirien verurteilt worden.


Katrin Eissing




Samstag, 13. Februar 2016

AURA / Die Woche der Kritik / 1.Tag / Katholisches Kino


Die Woche der Kritik -1.Tag
Katholisches Kino

“Cannes hat sie, Venedig und Locarno haben sie, und seit 2015 hat auch Berlin eine Woche der Kritik.”: Guck mal, das steht so im Pressetext!… Dann all diese Leichen und das am Eröffnungsabend. Mir ist immer noch ganz schlecht.” “Nun reiss dich mal zusammen... schreib: George Clooney findet die Woche der Kritik auch gut oder: seine Frau ist ja auch Aktivistin.” 

Die erste Veranstaltung AKTIVISM im letzten Jahr war, was den folgenden deutschen Sommer und die Entwicklung des Internets anging geradezu prophetisch.
Brule la mer zog uns übers Mittelmeer... Wagemut, Kapazität, Trauer. Dazu wurde die Veranstaltung von einem Pamphlet des Mitgefühls und der Solidarität mit Flüchtenden von der hochgeehrten Mely Kiyak kämpferisch und geradeaus eingeleitet....

Ich hoffe, dass diese Veranstaltung: AURA keine Prophezeiung sein soll/wird, jedenfalls keine reale.
Dann müssen wir  zu Weihnachten nämlich so richtig in Blutsuppe baden.
Beim Thema Aura sind die einzig Lebendigen tot. Ausgestopfte Tiere oder Menschen auf altem Archivmaterial. Dazwischen Szenen wie aus einem Theaterstück. Das passt gut zusammen.

Der erste Film “La Fin D´Homere” von Zahra Vargas ist ein Dokumentarfilm, ruhig und gut inszeniert (Dokumentarfilme müssen gut “inszeniert” sein, Einstellung ist Einstellung). Auf Filmmaterial und deshalb schon sehr bewusst gedreht, ist der Jäger Homer schon tot, weil er dem sozialen Druck, der seit seinem Schuß auf einen geschützten Vogel auf ihm lastet, nicht aushält: “Er dachte es sei ein Adler deshalb schoss er wohl...Allerdings: Auch Adler darf man nicht schiessen...” “Nungut, er hat kein Kind erschossen.” Es scheint schlüssiger, dass Homere sich sowieso umbringen wollte, zwischen all diesen ausgestopften Tieren und gruseligen, alten Jägergesichtern.

Eva Perons toter Körper wird im zweiten Film: "EVA DOESNT SLEEP" wie vorher die toten Tiere, jetzt als Heilige einbalsamiert, eingeschmiert. Es wird mit Ihr rumhantiert. Der halbsteife Körper wird begehrt, durch die halbe Welt gekarrt, schliesslich unter sechs Metern Beton verscharrt.
Ihr toter Körper ist dann auch Schuld und treibt Männer in den Wahnsinn. Der junge Regisseur frisch aus dem Flugzeug gefallen sagt doch tatsächlich später ganz unironisch: “Schöne... Frauen die Macht haben sind ja sehr beängstigend.” Also eben, wie im Katholizismus oder Hollywoodfilmen besser tot. Langsam eklig, nicht endlich mal zu fragen: Für wen und warum? Dieser spitze, saublöde Katholizismus, den mensch sich nicht anders erklären kann als eine Überlebensstrategie des/im Wahnsinn/s. Angesichts von in Filmen auch noch reproduzierten "Todestechniken" und vielen tausenden zu Tode gefolterten und im Meer versenkten Menschen ist das vielleicht eine notwendige Trauma-Strategie um so echte Gefühle wenigstens zu konservieren. Kurz vor ihrer Hinrichtung sagen die Mörder: Gott ist gerecht. Ja und natürlich ist es ok darüber einen Film oder viele zu machen und dieser schrammt ja auch die Brechung. Den irren Blick stellt er aber nicht in Frage. "Schade" ist zu schwach: Sche....

Den sehr jungen, elfenhaft schönen, verwirrt aussehenden Schauspielern aus Argentinien, muss der Empfang im Kino in den Hackeschen Höfen kühl vorkommen. Wir klatschen natürlich, aber hier sind halt nicht die 300.000 Toten wie bei Eva Perons Beerdigung. Sie sagen dann charmant: “In der Kunst sind Dinge real vorhanden, obwohl sie nur im Geist von vielen existieren.”

In meinem Leben sind lebendige Menschen, deshalb möchte ich Dokumentarfilme sehen die Kunstwerke sind und Haltung zeigen. Einstellung ist Einstellung.

z.b.: "La Tempestad" von Tatjana Huezo, Mexico
https://www.youtube.com/watch?v=Bq4vXEtTVc0
http://www.zeit.de/2016/07/berlinale-forum-filmemacher
 
....  Ich werde nicht wie letztes Jahr jeden Tag zur Woche der Kritik schreiben. Hier passt das schlichte SCHADE.

Zu der auf die Filme folgenden Diskussion: Es fällt mir auf wie wenig im Vergleich zu anderen Ländern in Deutschland öffentlich geweint wird. Verständlich, wer weint schon gern, ausser im Kino. Wir haben soviele Tote und Geflohene in unseren eigenen Familien, dazu Täter, Väter, Taten. Wir würden eine Weile nicht mehr aufhören können. (Da kommen die muslimischen Flüchtenden ganz recht.)
...
Der Filmkritiker der NewYork Times besuchte das Mahnmal der ermordeten Juden Europas am vormittag. Er sah was hier zulande aus toten Menschen gemacht wurde: Asche, Dünger oder Asphalt. Er spricht davon im Zusammenhang mit dieser ("unserer" nannte sie der Regisseur wie selbstverständlich) "christlichen Tradition".
Es gibt in Buenos Aires so viele Buchläden wie in ganz Lateinamerika, es gibt Lucrecia Martel, Nuevo Cine Argentino, und überhaupt... den Papst, aber
was sagt man zu Menschen die in Massen vor dem Fernseher knieen, weinen und beten und versuchen dadurch die Luftmoleküle  im Sinne ihrer Lieblingsmanschaft mit dem heiligen Geist aufzuladen. Durchgeknallt? Gläubige. Argentinier? Katholiken? ja genau.
Grüsse Katrin Eissing

Auf dem Nachhauseweg in der UBahn:

Katrin Eißing

Donnerstag, 11. Februar 2016

REVOLVER BERLINALE PARTY 2016


Für alle, die es noch nicht wissen:
Unsere traditionelle Berlinale-Party findet wieder am

Montag, 15. Februar

ab 22:00



im

Ritter Butzke
Ritterstrasse 26
10969 Berlin



statt.

Alle sind willkommen. Karten an der Abendkasse. Eintritt: 5 Euro.

DJ: Sick Girls, Claudia Basrawi & Gina D'Orio 
Live Act: Gurr


NEUE WEBSEITE LIVE


Unsere neue Webseite, seit einiger Zeit in Arbeit, ist seit heute öffentlich zugänglich. Unter der neuen Adresse revolver-film.com findet sich eine Fülle von Texten und Materialien aus bald 18 Jahren Revolver. Ziel war es, alle Revolver-Aktivitäten endlich unter einem „Dach” zu versammeln, angefangen mit den Heften (nach und nach werden wir alle nicht mehr lieferbaren Hefte einpflegen) – die inzwischen auch parallel als Ebooks erscheinen (#33, #34 folgt alsbald) – bis hin zur Revolver-DVD-Edition (eine neue DVD ist in Arbeit) oder unseren Live-Veranstaltungen. Wir werden in Zukunft auch Videos, Audiomitschnitte und web-exklusive Texte dort zugänglich machen – und nicht zuletzt wird dieses Blog mit umziehen. Kurz: wir haben viel vor. 

Der Besuch lohnt schon heute, zum Beispiel, um in den lange vergriffen Heften zu lesen.

Mittwoch, 20. Januar 2016

REVOLVER LIVE! (49): LARDI, STRIESOW, SCHANELEC - GEBEN UND NEHMEN

Am Samstag, den 23.01.2015 diskutiert [Revolver-Mitherausgeber] Christoph Hochhäusler auf den 51. Solothurner Filmtagen mit Ursina Lardi, Devid Striesow und Angela Schanelec über das Geben und Nehmen zwischen Schauspiel und Regie, und zwar im Kino Palace Solothurn, 16.45–18 h. 

Ursina Lardi, Andreas Patton in Angela Schanelecs MEIN LANGSAMES LEBEN.

Devid Striesow, Louis Schanelec in Angela Schanelecs MARSEILLE.

Ursina Lardi in Christoph Hochhäuslers DIE LÜGEN DER SIEGER.


Die Autorentheorie hat einen blinden Fleck, der ironischerweise im Zentrum des Regieberufs steht: die Arbeit mit den Schauspielern. Ob das nun daran liegt, dass sich dieser Prozess klaren Zuschreibungen entzieht, oder weil die innige Beziehung, die der „normale” Zuschauer mit den Schauspielern eingeht, eifersüchtige Konter herausfordert – die Betonung der Handschrift der oder des Einen wird dem komplizierten Miteinander nicht gerecht.

Wie bei einem Tanz lässt sich die Frage der Führung zwischen Regie und Schauspiel nicht autoritär entscheiden. Der Moment der Gnade, der Funken der Freiheit entspringt jenseits der festgelegten Schritte – aber ohne diese Schritte wäre es kein Tanz.

Ursina Lardi und Devid Striesow haben beide am Anfang ihrer Karrieren mit Angela Schanelec gearbeitet, einer Regisseurin, die als Schauspielerin begonnen hat und für ihre rigorose Suche nach einem Spiel jenseits der trainierten Muster steht. In MEIN LANGSAMES LEBEN (2001) spielen Lardi und Striesow zusammen Hauptrollen, Geschwister, in MARSEILLE (2004) hat Devid Striesow eine wichtige Nebenrolle. Später haben die beiden auch kleinere Rollen in zweien meiner Filme übernommen: Devid Striesow in FALSCHER BEKENNER, (2005) Ursina Lardi in DIE LÜGEN DER SIEGER (2014).

Wir wollen uns gemeinsam darüber unterhalten, wie sich die (eigene) Theorie und Praxis durch die Erfahrung verändert haben und was Geben und Nehmen heißt in der Zusammenarbeit zwischen Regie und Schauspielern. Ich freue mich sehr auf das Gespräch.


Christoph Hochhäusler




Eine Veranstaltung der Filmzeitschrift REVOLVER in Zusammenarbeit mit den Solothurner Filmtagen, die Ursina Lardi das diesjährige „Rencontre” widmen. In diesem Rahmen wird auch Angela Schanelecs MEIN LANGSAMES LEBEN (Sa 23.1. 17:45 Kino Palace) sowie Christoph Hochhäuslers DIE LÜGEN DER SIEGER (So 24.1. 20:30 Kino Palace) zu sehen sein. Danke: Sereina Rohrer, David Wegmüller.

IMPLOITATION

Vor ein paar Tagen las ich folgendes auf einem Internet Portal einer deutschen Tageszeitung im Hinblick auf die Vorfälle der Sylvesternacht in Köln:

„Die marokkanische Diaspora, die schon seit Jahren hier lebt, gilt als sehr gut integriert. Was kann sie tun, um die "neuen" Marokkaner auf den richtigen Weg zu bringen?

Es gibt viele Möglichkeiten, zum Beispiel Patenschaftsprogramme zwischen alteingesessenen und "neuen" Marokkanern. Wir müssen ihnen vor allem eines klar machen: Das Leben hier in Deutschland ist kein Kinofilm.“

Und da fiel mir wieder ein, wie wir auf einer Revolver Sitzung im Spätsommer 2015 das Programmheft der Filmreihe zur „Berliner Schule“ in Moskau in der Hand hielten. Hinten im Heft war zu jedem Film ein Still abgebildet, eine Bildersammlung, die jemanden von uns - ich weiß nicht mehr, wer es war - zu der Aussage verleitete: Wenn man in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, in Algerien, Tunesien, der Türkei, Afghanistan, Mali, dem Senegal, Irak oder in Marokko an Schulen, in Gemeindeeinrichtungen und in den Goethe Instituten flächendeckend Filmreihen der Berliner Schule veranstalten würde, dann würde keiner mehr auf die Idee kommen, hier in Deutschland leben zu wollen. Wir haben natürlich alle laut gelacht damals - es war die Zeit, als nach Griechenland alle nur noch über die sogenannte Flüchtlingskrise geredet haben und das Wort Abschreckung auf einmal allgegenwärtig war, ohne dass jemand wirklich offen über die wahren Probleme gesprochen hätte. Und natürlich ist das auch totaler Unsinn, wenn es um Bürgerkriegs- oder brutale Armutsflüchtlinge geht. Was den Traum vom besseren Leben, von der Perspektive angeht, da geht es wiederum um Bilder. So zynisch es zunächst klingen mag, ich glaube, dass da ein wahrer Kern drin steckt in dieser nicht ernst gemeinten, spielerischen Überlegung. Und ich denke, dass das sowohl für als auch gegen besagte Filme spricht.

Ich habe mich dann auch gefragt, ob die noch wirksamere Abschreckung nicht wäre, die Top Ten des deutschen Kinos in Dauerloops zu zeigen, bin dann aber wieder von dem Glauben an die Wirksamkeit einer solchen Aktion abgerückt, obwohl es bei mir wahrscheinlich funktioniert hätte.

Also falls jemand die Sache mit der Berliner Schule als Ernüchterungs- und Desillusionierungsprinzip noch in die Hand nehmen sollte und die Idee umsetzen will, ich stelle meine Filme gern zur Verfügung...

Franz






p.s.: Denkbar wäre auch, dass der Staat in Anti Image Kampagnen investiert und wir auf diese Art vielleicht endlich mal ein schmutziges Gegenkino zustande bekommen. Imploitation gewissermaßen ;-)