Montag, 13. Oktober 2014

REVOLVER LIVE! (39) – WAS IST AKTIVISTISCHE FILMKRITIK?




WAS IST AKTIVISTISCHE FILMKRITIK?

Auf den diesjährigen Kurzfilmtagen in Oberhausen hat ein Flugblatt für Aufsehen gesorgt. Als Reaktion auf ein zunehmend „konventionelles und formelhaftes Kino“ und dem dazu konformen Service-Journalismus wird darin eine „aktivistische Filmkritik“ gefordert. Die Kritiker müssten ihren „passiven Pragmatismus überwinden und den Aktivismus für sich wiederentdecken“, schreiben die Verfasser. Dafür wolle man auch „wirtschaftliche Risiken” tragen – ein direktes Zitat aus dem Oberhausener Manifest von 1962. Zu den konkreten Ankündigungen der Unterzeichner gehört die Durchführung einer „Woche der Kritik“ parallel zur Berlinale. Aber was muss man sich darunter vorstellen? Eine deutsche „Semaine de la critique“? – in bewusster Verletzung jener Neutralität, auf die die deutsche Kritik sonst so gerne pocht? Und wie wollen die Aktivisten ihre Ideen – „Freiräume müssen permanent erkämpft werden“ – von den Fahnen auf die Straße bringen? Wir haben drei der Initiatoren eingeladen, ihre Ideen mit uns zu diskutieren.

Ziel ist ein offener Diskurs. Alle Filminteressierten sind dazu herzlich eingeladen. 

Wir freuen uns

Christoph Hochhäusler, Nicolas Wackerbarth


Die FilmkritikerInnen Dunja Bialas, Frédéric Jaeger und Claus Löser im Gespräch mit den Revolver-Herausgebern Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth.

Am FREITAG, den 24.10.2014 um 20.00 h im Roten Salon*.


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Linienstraße 227
10178 Berlin 
Tel +49.30.24 065 - 5
Fax +49.30.24 065 642
info@volksbuehne-berlin.de

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DIE GÄSTE:

Dunja Bialas
Dunja Bialas ist Redakteurin des Online-Filmmagazins Artechock. Von 2002-2013 arbeitete sie als Kuratorin beim Internationalen Dokumentarfilmfest München (Dok.fest) und verantwortete von 2011-2013 die Auswahl der Filme für den Internationalen Wettbewerb. 2006 gründete sie zusammen mit Bernd Brehmer (Werkstattkino München) das Independent-Filmfestival UNDERDOX - dokument und experiment. Seit 2014 ist sie als Organsatorin und Programmberaterin bei den Münchner  Filmkunstwochen tätig. Sie ist seit Mai 2013 Vorstandsmitglied des VdFk (Sprecherin). Außerdem ist sie im Vorstand des Festivalverbands Filmstadt München e.V. (seit 2013). Dunja Bialas lebt und arbeitet in München.

Frédéric Jaeger
Frédéric Jaeger ist Chefredakteur von critic.de, einem filmästhetisch und kulturpolitisch engagiertem Online-Kinomagazin. Schwerpunkte in seiner Arbeit sind Produktionsdiskurse, französische Filme, deutscher Nachwuchs und die Vermittlung von Kino und Kritik an Jugendliche. Medienpädagogische Projekte betreut er regelmäßig seit 2005, unter anderem für die Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino und in Cannes für die Semaine de la Critique, wo er den Workshop „Ganz Junge Kritik“ von 2005 bis 2011 geleitet hat. Seit 2010 war er Mitglied im Beirat des Verbands der deutschen Filmkritik. Seit 2013 ist er geschäftsführender Vorstand. Er hat Filmwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert.

Claus Löser
Geboren 1962 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Seit 1980 entstehen Texte, Musik und Filme. 1990 bis 1995 Filmstudium in Potsdam-Babelsberg (Diplom). Seit 1990 Programmgestalter für das „BrotfabrikKino“ in Berlin. Seit 1992 freier Filmkritiker (u.a. für taz, Berliner Zeitung, film-dienst). 1996 Gründung der Sammlung „ex.oriente.lux - Experimentalfilmarchiv Ost 1976 bis 1989“ und Herausgabe des Buchs „Gegenbilder – Filmische Subversion in der DDR“. 2009: Dokumentarfilm „Behauptung des Raums - Wege unabhängiger Ausstellungskultur in der DDR“. 2011: Promotion, Veröffentlichung des Buches „Strategien der Verweigerung“. Mitglied der BKM-Jury für Drehbuch- und Produktionsförderung und des Beirats der DEFA-Stiftung. Seit 2013 Vorstandsmitglied des VDFK. Arbeitet als Autor, Filmemacher, Kurator und Lehrbeauftragter in Berlin.

DIE MODERATOREN:

Christoph Hochhäusler
Geb. 1972 in München. Autor, Regisseur. Revolver-Gründer und Mitherausgeber. Studium: Architektur an der TU, Berlin; Filmregie an der HFF, München. Filme (Auswahl): „Milchwald“ (2003), „Falscher Bekenner“ (2005), „Séance“ (Kurzfilm, Teil des Omnibusfilmes „Deutschland ’09“), „Unter Dir die Stadt“ (2010), „Eine Minute Dunkel“ (Teil der Trilogie „Dreileben“, zus. m. Christian Petzold und Dominik Graf, 2011), „Die Lügen der Sieger“ (2014).

Nicolas Wackerbarth
Geb. 1973 in München. Regisseur, Autor, Schauspieler. Revolver-Mitherausgeber. Studium: Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie München; Filmregie an der DFFB, Berlin. 1996–97 Schauspiel Frankfurt, 1997–2000 Städtische Bühnen Köln. Filme (Auswahl): „Anfänger!“ (TV, 2004), „Westernstadt“ (Dok., 2005), „Halbe Stunden“ (Kurzfilm, 2007), „Unten, Mitte, Kinn“ (2011), „Halbschatten“ (2013).

Donnerstag, 9. Oktober 2014

LE MERAVIGLIE

Ich habe eben erst gesehen, dass LE MERAVIGLIE schon seit einer Woche im Kino läuft. Und zwar abends in Berlin nur noch in den Hackeschen Höfen und im Rollberg Kino. Der Film hat den deutschen Verleihtitel LAND DER WUNDER.


Wenn jemand einen Funken Fellini versprüht, dann Alice Rohrwacher. Zauber- und fabelhaft im wahrsten Wortsinn. Unbedingt ansehen, bevor der Film aus den Kinos verschwindet.


Franz

Samstag, 27. September 2014

COAL MINER'S DAUGHTER

Great film by Michael Apted with still young Tommy Lee Jones and Sissy Spacek as Loretta Lynn. Beverly d'Angelo plays and sings Patsy Cline.

 

Neben Bruce Beresford's "Tender Mercies" für mich der schönste Film mit und über Country Musik.



Der Slogan, mit dem der Film 1980 beim Kinostart beworben wurde, sagt eigentlich alles:


She wanted a wedding ring. He gave her a guitar.


Sonntag 28.9. um 20 Uhr im Arsenal. Schade, dass ich in Köln bin.

Franz


Dienstag, 23. September 2014

EINE ANDERE ERINNERUNG

(in eigener Sache:)

Der Revolver-Mitarbeiter Geremia Carrara stellt in Köln in Zusammenarbeit mit dem Filmclub 813 das Archivio Nazionale del Film di Famiglia vor.

Die Veranstaltungen finden jeweils 26.9.-27.9.2014 um 20:00 im Kino 813 in der BRÜCKE, Hahnenstraße 6, 50667 Köln statt.

"Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in Deutschland keine offizielle Institution die privates 8mm-Filmmaterial schützt. Auch in Deutschland brauchen wir ein nationales Archiv des Familien- bzw. Amateurfilms! Kann ein derartiges Filmarchiv nicht im geplanten neuen Kölner Stadtarchiv etabliert werden?"

Das Archivio Nazionale del Film di Famiglia - Home Movies in Bologna sammelt seit 2002 Super8-, 8mm- (=Normal8) und 9,5mm-Filmrollen aus ganz Italien. Der Direktor Paolo Simoni stellt Archivmaterialien vor und erläutert die Arbeit seines Archivs.


Das Programm

Freitag, 26.9.2014, 20 Uhr
COME UN CANTO (WIE EIN LIED)
Italien 2010 - OmU - digital (16mm)
Ausschnitte, Notizen und Bilder eines vergessenen Regisseurs. Dieser Film ist eine Rekonstruktion der Beziehung zwischen Antonio Marchi und dem Kino anhand der Amateurfilme, die er in den vierziger Jahren gedreht hat.

EXPANDED ARCHIVE (8mm, S8, 9,5mm, 16mm)
Dieser Film ist ‚work in progress’, der die Sprache des Amateurfilms untersucht. Er dekonstruiert diese Filme auf der semantischen und syntaktischen Ebene und gibt dem Zuschauer einen neuen unerwarteten Blick auf die Bilder.

DIE ZIRKUS-FAMILIE TOGNI - HOME MOVIES
Italien 2006 - 50 Min. - digital (8mm) - Privatfilme aus den 40er-70er
mit einer musikalischen Live-Vertonung (!) von Alessandro Palmitessa. Der Film zeigt die faszinierenden Bilder, die die Familie Togni von den vierziger bis siebziger Jahren gedreht hat.

Als besondere Zugabe wird ein unveröffentlichter Kölner 8mm-Film (15 Min.) präsentiert, der u.a. Aufnahmen aus und vor dem Brauhaus „Hahnenbräu“ in der alten Hahnenstraße am Rudolfplatz vor dem Abriß Mitte der 30er zeigt!

Samstag, 27.9.2014, 20 Uhr
FORMATO RIDOTTO
5 Kurzfilme in verschiedenen Amateur-Formaten aus unterschiedlichen Jahrzehnten
Italien 2012 - OmU - 50 Min. - digital (8mm / Super8 / 9,5mm / 16mm)
Ein Kollektivfilm, zu dem sich fünf italienische Schriftsteller wie z. B. Ermanno Cavazzoni und Wu Ming durch die Amateurfilme aus dem Archivio Nazionale Film di Famiglia haben inspirieren lassen.

CONGRESSO UNIVERSALE D' Esperanto A COLONIA NEL 1933
(Der Esperanto Universal-Kongress in Köln im Jahr 1933)
von Nicolò La Colla - 25 Min. - digital (8mm)
Im Jahr 1933 reiste der italienische Journalist Nicolò La Colla nach Köln um über den Esperanto Universal-Kongress zu berichten. Mit seiner 8mm-Kamera drehte La Colla einen historisch wertvollen Film, der schon die Nazi-Zeit einfängt und das alte Köln vor seiner Zerstörung dokumentiert. Dieser bisher unveröffentlichte Film wird zum ersten Mal in Deutschland gezeigt.


(eingestellt von Marcus)

Freitag, 19. September 2014

NOCH 999.999.999 JAHRE 364 TAGE 13 STUNDEN ...

... bis zum Weltuntergang.

Weil es ausgerechnet heute leider, leider regnen soll:

DIE TEAMPREMIERE 
von
MILLIARDEN JAHRE VOR DEM WELTUNTERGANG
findet heute Abend nicht im Görlitzer Park, sondern im Studio 2 im Datenstrudelpalast statt. Dafür kann umso mehr gefeiert werden.
Torstraße 190 x Tucholskystraße in Berlin Mitte
Einlass: laufend ab 20.00 Uhr

Bis dahin
Franz




DOKUMENTARFILM FÜR KINDER


(in eigener Sache) 
Am Samstag ist das internationale Symposium für den Dokumentarfilm für Kinder und Jugendliche in Köln zu Ende gegangen. Neben Vorträgen gab es auch Filme zu sehen, wie etwa den sehenswerten "Cama de Gato" aus Lissabon, von Filipa Jardim Reis und Joao Miller Guerra. Finanziert wurde dieser Dokumentarfilm über eine Teenage-Mutter ungewöhnlicherweise von der Kommune Setúbal.














Neben alternativen Finanzierungsideen ging es im Symposium viel um die Vermittlung von Filmkultur an Schulen, aber auch um Partizipation, also die Beteiligung von Kindern, vor allem aber Jugendlichen, an der Entstehung von Dokumentarfilmen für die eigene Pear-group. Die Anregung kam vor allem von der dänischen Initiative doxwise. Von den bei Revolver interviewten Filmemachern kamen Calle Overweg und Bernd Sahling zu Wort.


Mehr dazu in meinem Abschlussbericht zum Symposium online.

(eingestellt von Marcus)

Donnerstag, 18. September 2014

MILLIARDEN JAHRE VOR DEM WELTUNTERGANG

* in eigener Sache *

Am Samstag, den 20.9. zeigen wir in einer Teampremiere das Ergebnis unseres erkennungsdienstlichen Experiments, das wir vor zwei Jahren im Görlitzer Park aufgenommen haben. Weil für heute Abend Regen angekündigt ist, findet die Premiere im Datenstrudelpalast Kino 2 statt. Adresse: Torstraße 190 Ecke Tucholskystraße. Wir sind dort ab 20.00 Uhr und freuen uns auf alle, die mit uns feiern wollen.


MILLIARDEN JAHRE VOR DEM WELTUNTERGANG

22 bis 43 Minuten

Regie: Angelika Herta und Franz Müller
Produktion: Datenstrudel Jakob Hüfner, Jörn Hintzer und Franz Müller

mit: Sidney Martins, Jose van der Schoot, Anna Grisebach, Rainer Sellien, Anna de Carlo, Göksen Güntel, Thomas Gerber, Judith Seiter, Urs Fabian Winiger, Nike Fuhrmann, Abak Safaei-Rad, Barbara Rotheuler, Erdinc Güler, Jens Kraßnig, Harald Kempe, Can Iltner, Carolin Walter, Li Schiffer, Matl Findel, Michael Baute und vielen mehr...

Kamera: Matthias Schellenberg
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Ausstattung: Juliane Friedrich
Kostüm: Katrin Berthold
Maske Barbara Rotheuler
Ton: Nikolas Mühe, Boris Manych
Regieassistenz: Anna Henckel-Donnersmarck
Produktionsleitung: Stephanie Alisch, Daniela Masili
Zuätzliche Regieassistenz: Zsuzsanna Kiraly
Bildpost: Sergeij Jurisdizkij, Nicolas Giraldon, Rudolf German
Sounddesign und Mischung: Olaf Dettinger
Artwork: Mieke Ulfig

(eingestellt von Franz)


Montag, 1. September 2014

REVOLVER LIVE! (38): ALBERT SERRA


DIE GRENZEN 
DER SEHNSUCHT - WERKSTATTGESPRÄCH 
MIT ALBERT SERRA

CUBA LIBRE
Spanien 2013, 18 min

Film von Albert Serra

18 Uhr 
So 7.9.
Kino Arsenal


Moderation:
Nicolas Wackerbarth




Unerbittlich führt Albert Serra uns an die Grenzen der Sehnsucht, an die Grenzen des Filmemachens. Ein Gespräch mit dem katalanischen Regisseur über die Kostbarkeit vertaner Drehtage und die Lasten filmischer Prämissen. Zu Beginn der Veranstaltung zeigen wir Serras sehenswerten Kurzfilm CUBA LIBRE, der im Rahmen seines 101-stündigen Filmprojekts für die Documenta 13 entstanden ist.

(nic)

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ALBERT SERRA
Autor, Regisseur, Produzent, geb. 1975, Studium: Literatur und Kunstgeschichte an der Universität Barcelona, Filme:
HONOR DE CAVALLERIA (Honor of the Knights, 2006)
EL CANT DELS OCELLS (Birdsong, 2008)
EL SENYOR HA FET EN MI MERAVELLES 

(Lord Worked Wonders in Me, Spanien 2011)
ELS NOMS DE CRIST (The Names of Christ, 2011)
HISTÒRIA DE LA MEVA MORT (Story of My Death, 2013)


*
Eine Veranstaltung von Revolver, Zeitschrift für Film
in Zusammenarbeit mit dem Arsenal, Institut für Film und Videokunst.


Kino Arsenal
Potsdamer Strasse 2, 10785 Berlin
U-Bahn / S-Bahn Potsdamer Platz

Bus M41, M48, M85, 200, 347

Eintritt 5 Euro

Samstag, 23. August 2014

GIRIMUNHO UND MEHR





Am Dienstag 26.8.2014 zeigt das Kino Arsenal zwei Programme unseres Freundes Helvécio Marins aus Belo Horizonte, der zurzeit als Stipendiat des DAAD (was für eine tolle Institution!) in Berlin lebt.
Um 19.30 beginnt ein Kurzfilmprogramm:
Nascente Nascent Helvécio Marins Brasilien 2005 35 mm ohne Dialog 17 min
Trecho Passage Helvécio Marins, Clarissa Campolina Brasilien 2006 35 mm OmE 18 min

Nem marcha nem chouta Nor a Trot or a Canter Helvécio Marins Brasilien 2009 
DigiBeta ohne Dialog 7 min

Fernando que ganhou um pássaro do mar Fernando who Received a Bird from the Sea
Helvécio Marins, Felipe Bragança Portugal/Brasilien 2013 DCP OmE 20 min


Um 21.00 läuft sein erster Langspielfilm GIRIMUNHO, den er zusammen mit Clarissa Campolina realisiert hat und der eine riesige Festivalreise erlebt hat.


Michael Baute schrieb über GIRIMUNHO (DER WIRBEL, 2011):
"Bisweilen begegnen einem Filme, deren formale und inhaltliche Eigenständigkeit so frappierend und neuartig ist, dass es schwerfällt, ihnen mit herkömmlichen Worten beizukommen. Der Erstlingsfilm von Helvécio Marins Jr. und Clarissa Campolina ist so ein Fall. Girimunho ("Der Wirbel") erzählt eine Geschichte aus dem Sertão, dem brasilianischen Inland im Nordosten. Im semidokumentarischen Stil mit Laiendarstellern inszeniert, entwickelt der Film ein vollkommen eigenständiges System, aus dem heraus eine ethnografisch inspirierte Studie von berückender Schönheit entsteht. Blitzende Lichter und verschluckende Schatten, heftige Farbigkeit, aushöhlende, der Umgebung abgerungene Töne bilden dabei einen faszinierend verschlungenen Zeichenhintergrund. Auf ihm entfaltet sich eine berührende Erzählung, die vom Tod des Mannes der 81-jährigen Bastú ausgeht, die daraufhin von geheimnisvollen Erscheinungen heimgesucht wird. Das Spirituelle wirkt unaufgeregt in den Alltag der alten Frau, die mit ihren beiden Enkelinnen ein gänzlich unspektakuläres Leben führt. Mit einem unaufdringlich philosophischen Tonfall präsentiert "Girimunho" eine Welt, die, durchzogen von Mythen und Gesängen, eine berückende Komplexität besitzt."
Die Kinoaufführung wird spannend, denn die ganze visuelle Schönheit von GIRIMUNHO wird nur dort zu erleben sein. Das Team um Helvécio, der selbst Kameraassistent ist, hat viele Kameras und Kameraeinstellungen getestet um die Licht/Schattenkontraste des Sertão mit der heutigen Technik einfangen zu können. Zwei seiner Kurzfilme sind noch auf 35mm Material gedreht.

(Saskia Walker, Franz Müller)

Freitag, 1. August 2014

HARUN FAROCKI (1944-2014)

Mit Unglauben habe ich von Harun Farockis Tod erfahren. Dass er fehlen wird, schreibt sich so leicht. Im Augenblick lässt sich die Lücke nicht ermessen. Sie klafft. So viele Fragen, die man ihn noch gerne gefragt hätte. Wichtiger: So viele Fragen, die er im Begriff war, aufzuwerfen. Nachfolgend ein Interview, das wir in Revolver Heft 8 (2003) veröffentlicht haben. 

Christoph

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Bild: Kunst der Vermittlung.

Interview: Harun Farocki


Revolver
In Ihrem Film “Nicht löschbares Feuer” gibt es eine Szene, in der Sie sich eine Zigarette auf dem Handrücken ausdrücken, um die Wirkung von Napalm zu demonstrieren …

Farocki
Um zu demonstrieren, dass man nicht zeigen kann, wie Napalm wirkt, was Napalm bedeutet!

In dieser Geste steckt eine ästhetische Strategie, die man Authentifizierung nennen könnte, der Körper des Autors wird zum Beweismittel. Wie stehen Sie heute zu dieser Szene?

Das war eine Reaktion auf die von uns empfundene Krise der Repräsentation. An der Filmakademie diskutierten wir darüber, inwieweit das Darstellen nicht eine merkwürdige Reklameagenturtätigkeit ist. Man kann doch nicht Bilder aus Vietnam, von den Opfern der Napalmverbrennungen, nehmen und die für das herhalten lassen, was wir ausdrücken wollen. Eine Frau oder ein Kind, wie das die Reklame macht – das wäre doch bestenfalls Gegen-Reklame. Das wäre wie die Bettler in der “Dreigroschenoper”, die wissen, wie sie Mitleid erregen können und ihre Verstümmelungen herrichten. Und die Überlegung, dass es doch absurd ist, die Zuschauer moralisch unter Druck zu setzen, das war doch eine Pädagogik, die wir uns selbst auch nicht gefallen liessen. Diese Szene war so eine Volte, zu sagen, dass tun wir nicht, um die Zuschauer aber gleichzeitig damit noch mehr zu erschrecken. Als Rezept gefällt mir das immer noch ganz gut.

Die Szene hatte natürlich auch ganz stark mit einer Happening-Ästhetik zu tun, ohne dass mir das damals bewusst war. Das ist auch eine Revitalisierung, Re-Schamanisierung der Kultur, da hat Beuys auch eine Rolle gespielt. Ich hab ja immer wieder mein Gesicht  hingehalten, auch in einem Selbstportrait vor noch nicht so langer Zeit, in “Schnittstelle”. Heute nehme ich das nicht mehr so wörtlich mit dem “den Kopf hinhalten”. Damit eine Sache persönlich ist, muss man da die Ich-Form benutzen? Wahrscheinlich nicht. Man kann sein Gesicht zeigen und sich verstecken, und man kann das Ich vermeiden, ohne ins Allgemeine auszuweichen. 

Haben Sie das Gefühl, dass “Nicht löschbares Feuer” im Sinne der – im Film explizit formulierten – Wirkungsabsicht erfolgreich war?

Woher soll ich das wissen? Es gibt die ungebrochene Annahme oder Abweisung doch kaum je. Meistens mischt sich beides, die Abwehr ist in die Zustimmung mit eingebaut. “Nicht löschbares Feuer” bekam viel Zustimmung, Fernsehausstrahlungen, einen Preis. Da war ich für einen Augenblick der akzeptable Teil der Politfilmbewegung. Das sah neuartig aus und war trotzdem verständlich. Das war ja so etwas wie ein Punk-Film, schmutzig und direkt.

Es gibt heute mehr und mehr das Gefühl, aus dem 
Systemzusammenhang nicht mehr herauszukommen. Aber damals gab es noch die Überzeugung, man könnte “Guerillafilm” machen?

Ja, weil wir so naiv waren. Weil wir dachten, dass dieser Schritt, sich selbst zu organisieren, etwas gänzlich Neues schafft. (Aber das ist natürlich eine Illusion.) Sicher hatte es auch einen bestimmten Nachdruck. Manchmal muss man die Schule verlassen und das Lernen selbst in die Hand nehmen. Uns ging es darum, etwas in Bewegung zu setzen. Vor 10, 12 Jahren, als ich “Leben BRD” machte, da gab es immerhin noch so 30, 40 Städte, in denen so ein Film gezeigt werden konnte, vielleicht auch nur vor 10 Zuschauern, aber es gab trotzdem noch so ein gewisses Angebot. Bei “Videogramme” 3 Jahre später war das schon irgendwie lächerlich, da gab es nur noch 5 oder 6 Orte in Deutschland, und heute geht das, glaube ich, gar nicht mehr. Es hat aber auch eine Verschiebung stattgefunden, hin zu anderen Orten. Zum Beispiel in Berlin die “Kunst-Werke”: Das sind Orte, wo Bildende Kunst, Architektur, andere Theorien zusammenkommen. An solchen Orten werden heute wieder Filme gezeigt. Und dort findet man ein ganz anderes, interessiertes Publikum. Aber diese Struktur ist nicht durch Verleihe abzudecken. Wir verschicken also Videos und DVD’s auf so einer richtigen Bastelebene, wie so ein Erotikbuchversand der 50er Jahre (lacht). 

Aber besteht so nicht ein bisschen die Gefahr, sich von einem Ghetto ins nächste zu begeben?

Kann passieren, ja. Aber ich bin lieber im Ghetto als in der Reihenhaussiedlung! Ich habe neulich in “Trafic” darüber geschrieben, dass wenn man einen Film im Kunstbereich zeigt, man mehr zu hören kriegt als sonst, aber dass man es schwerer bewerten kann, was die Leute sagen (lacht), was sie eigentlich meinen damit. Im Kunstbereich ist es so, dass der Code nicht festliegt. In Kino und Fernsehen liegt er gänzlich fest zur Zeit, auch beim Dokumentarfilm. Auch ein offener Dokumentarfilmbetrachter erwartet, dass ein Film so und so aussieht und ist entsetzt, wenn er ein bisschen abweicht davon. Das ist eine etablierte fiktive Feudalgesellschaft, in der alle über einen Film urteilen und sagen: “So muss es sein” – fast wie im höfischen Leben früher oder in der Oper, wo jeder über die Darbietung mit so einer Scheinkompetenz urteilen konnte. In Wien zum Beispiel sind die Offiziere abends alle besoffen in die Oper gegangen (lacht), die Frauen haben die Noten mitgelesen, und dann wurde darüber gesprochen: “Das habe ich aber in Paris besser gesehen” und so. Und diese Form von Räsonnement, die gibt’s heute auch, wo jeder ein Billy-Regal voller Bücher hat à la “Wie schreibe ich ein Drehbuch?”. So wird heute über den Hollywoodfilm geredet, und nicht viel anders ist es mit dem Dokumentarfilm. Da wird sehr viel über den Code und seine Erfüllung gesprochen.

Den Code zu brechen wird sanktioniert.

Das war der grosse Konflikt, den Leute wie Straub/
Huillet oder Godard damals mit der Linken hatten. Die Linke sagte: “Euer verspielter Kram mit alten Römern oder mit jungen Mädchen, die die Unmöglichkeit der Darstellung verhandeln (lacht), das hat doch gar keine Bedeutung und keine Wichtigkeit. Wichtig ist doch etwas ganz anderes!” Das war die Forderung nach einer strikt inhaltlichen Herangehensweise. Aber es gibt ja auch eine stilistische Radikalität und die Forderung, den normalen Erzählfilm, der sehr unsauber mit seinen Mitteln umgeht, stilistisch zu überwinden. Da gab es schon ein Schisma: Formale Avantgarde, inhaltliche Avantgarde. Es gibt in der Filmgeschichte ganz wenige, die wie Bresson versucht haben, einen ganzen Roman wie ein Gedicht zu schreiben – also alles in eine stilistische Einheit zu bringen –, sich daran tot arbeiteten und trotzdem den Film nicht erstickten. Das ist etwas wirklich Kostbares. Irgendwann habe ich begriffen, dass auch so ein unsauberer Filmemacher wie Chabrol originelle Sachen sagen und Dinge zum Ausdruck bringen kann, die sonst in Filmen gar nicht vorkommen.

Das ist eben diese Dialektik: einerseits für ein höheres filmisches Sprachbewusstsein einzutreten und gleichzeitig festzustellen, dass es manche gibt, die das überhaupt nicht nötig haben. Fassbinder ist das grossartige Beispiel. Fassbinder habe ich, solange er lebte, immer verkannt. Ich habe überhaupt nicht begriffen, dass er auf magische Weise mit seiner Intention und seinen melodramatischen Mitteln – es war ja nicht so übertrieben wie bei Schroeter, wo man es sofort versteht –, dass er mit diesen Konventionalismen und Unsauberkeiten trotzdem etwas Grossartiges trifft und ein radikaler Autor ist. Das habe ich völlig verkannt, weil ich immer glaubte, wenn man ein bestimmtes Sprachbewusstsein hat und mit der Geschichte der Avantgarde verbunden ist (lacht), dann wird das schon klappen. Und dass Leute damit brechen konnten und trotzdem etwas erreichen, das habe ich nicht im Auge gehabt. Das macht es mir heute schwer, für stilistische Radikalität einzutreten. Gleichzeitig leide ich unter 1000 Sachen von Leuten, die gar nicht sehen, woher das Bild kommt, das sie benutzen, die es auch nicht bewusst ausgewählt haben und kein persönliches Verhältnis dazu einnehmen.